Vermiglio ist ein entlegenes Bergdorf im italienischen Trentino. Der Wechsel der Jahreszeiten prägt das raue, in die Grandiosität der Landschaft eingebettete Leben. Auch im Winter 1944 sind den Mitgliedern der stetig wachsenden Familie des Dorfschullehrers, Pfarrers und Patriarchen Cesare (Tommaso Ragno) die Dramen und Verlockungen ihres heimischen Lebens näher als der noch immer andauernden Krieg.
Das ändert sich, als Cesares Neffe Attilio (Santiago Fondevilla) als Deserteur ins Dorf zurückkehrt. Weil er verwundet von seinem sizilianischen Kameraden Pietro (Giuseppe De Domenico) über die Berge getragen worden ist, wird er zum Dank in einer Scheune versteckt. Fortan kreisen viele Gedanken in der Gemeinschaft um den Neuankömmling; und das nicht nur in der Kneipe, in der man fürchtet, dass die Deutschen ihn suchen und sich an der Dorfgemeinschaft rächen könnten.
Auch Cesares etwa achtzehnjährige Tochter Lucia (Martina Scrinzi) ist auf den schweigsamen Mann aufmerksam geworden und verliebt sich in ihn. Noch teilt sie Zimmer und Bett mit ihren Schwestern Ada (Rachele Potrich) und Flavia (Anna Thaler), die beide ebenfalls große Träume haben und sich jede auf ihre Weise bereitmachen, eigene Wege ins Leben einzuschlagen.

Inspiriert von einem Traum
VERMIGLIO ist Maura Delperos zweiter Spielfilm. Wie für ihren Erstling MATERNAL (2019) schrieb sie das Drehbuch selbst. Inspiriert wurde sie dieses Mal von einem Traum. In ihrem Director’s Statement für das Presseheft berichtet sie, dass ihr darin ihr kurz zuvor verstorbener Vater erschienen sei: „Er war in das Haus seiner Kindheit zurückgekehrt, nach Vermiglio. Er war sechs Jahre alt und hatte die Beine eines Steinbocks. Er lächelte mich zahnlos an, und er trug diesen Film unter dem Arm: Vier Jahreszeiten im Leben seiner großen Familie.“
Seine „Geschichte von Kindern und Erwachsenen, zwischen Todesfällen und Geburten, Enttäuschungen und Wiedergeburten, von ihrem Zusammenhalt in den Wirren des Lebens, von ihrem Weg von der Gemeinschaft zum Werden von Individuen“ (ebd.) setzt Delpero in ihrem Film in einen fließenden Naturalismus um, der die Berge und Wände aus Schnee, den Geruch von Holz, Zigaretten, Wein und Feuer wie Sonne und Eiseskälte haptisch erfahrbar werden lässt.
Zurückgenommen in der Dramatisierung und mit Liebe für Details der Ausstattung erzählt sie von Familiengeheimnissen und persönlichen Tragödien. Ihre eigentlichen Helden sind die Töchter und Frauen, die um die Geheimnisse der Männer wissen, die eigenen Ängste verstecken und ihre Hoffnungen im Verborgenen hüten. Von all dem legen die Darsteller:innen in kleinen Gesten und Blicken Zeugnis ab. Wortkargheit und plötzliche Eruptionen an Aussagewillen oder Euphorie wechseln einander aufs Schönste ab.
Kameramann Mikhail Krichman fängt die Welt des Films und ihre Bewohner:innen in wohlkomponierten, sachte bewegten und farbreduzierten Bildern ein. Sie machen VERMIGLIO zu einer Meditation über das Leben auf der Schwelle zwischen Vor- und Nachkriegsmoderne und seine sich bei ihrer Überschreitung verwandelten Protagonistinnen. Deren Witz und Abgründe schreiben sich wie die Familiengeheimnisse einer vergangenen Zukunft, so Jessica Kiang in ihrer Kritik für Variety, in die Erinnerung des Publikums ein.
VERMIGLIO (Italien, Frankreich, Belgien 2024, 119 min.) Regie: Maura Delpero, mit: Martina Scrinzi, Rachele Potrich, Tommaso Ragno u. a.