Uri (Oliver Masucci) und Anna (Ania Bukstein) haben den Holocaust überlebt. Sie haben einander gefunden, nicht zuletzt, weil er, wie Anna ihrer gemeinsamen Tochter Tamar (Naya Bienstock) einmal erzählt, gut und richtig gerochen hat. Also haben sie sich verliebt und sind nach Israel gegangen. 1970, 25 Jahre nach der Befreiung der Lager und dem Kriegsende leben sie in einem Kibbuz am See Genezareth. Ihre Erinnerungen halten sie unter Verschluss.
Sie sollen das Leben ihrer Kinder – neben Tamar, die Psychologie studiert, gibt es noch Sohn Eitan (Ido Tako), der sich anschickt, als Bomberpilot zum Stolz der Familie zu werden – nicht beeinträchtigen. Außerdem hoffen die Eltern, durchs Vergessen vielleicht selbst irgendwann wieder frei von Träumen schlafen zu können, in denen die durchlittenen Schrecken sie immer wieder heimsuchen. Insbesondere Uri hält nichts davon, sich aus der Beschäftigung mit der Vergangenheit Heilung zu versprechen.
Als Anna ihn bittet, dennoch mit ihr zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu fahren, wo sie Gewissheit über die Ermordung der nächsten Angehörigen erlangen möchte, schlägt seine Fassungslosigkeit über ihr Ansinnen gar in Geschirr zertrümmernde Wut um.

Ticks und Erfolgsserien
Von den erlittenen Torturen im Vernichtungslager ist Uri im Alltag vor allem ein auffälliger Tick geblieben: Jedes Mal, wenn er in einer Situation unsicher ist, streicht er mit der Hand über eine Stelle über seinem rechten Auge. Hier hat ihn, wie Flashbacks aus dem Lager wiederholt suggerieren, der erste einer Reihe von mörderischen Stockschlägen eines SS-Mannes getroffen. Besonders häufig tritt diese Verhaltensauffälligkeit auf, wenn er, wie zu Beginn der israelischen Serie THE GERMAN aus geschäftlichen Gründen gezwungen ist, ins Land der Täter zurückzukehren.
Hier nehmen die Verstrickungen, von denen das Autorenteam Moshe Zonder und Ronit Weiss-Berkowitz erzählt, ihren Anfang. Zehn Jahre haben sie an THE GERMAN gearbeitet, wie sie dem amerikanischen Entertainmentmagazin Variety im Interview anlässlich der Premiere der ersten Staffel beim „Series Mania“-Festival im März in Lille verraten haben. Zonder ist zuvor bereits als einer der Autoren der hochgelobten Serie FAUDA (seit 2015) in Erscheinung getreten. Sie erzählte parallel sowohl von den Einsätzen einer verdeckt operierenden Spezialeinheit der israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) auf der Jagd nach dem Hamas-Terroristen Abu-Ahmed, genannt der Panther, als auch von dessen Herkunft und seinem todessehnsüchtigen Kampf gegen den Staat Israel.
THE GERMAN nimmt sich nun ideengetrieben und actionreich der Etablierung der israelischen Gedenkkultur wie des geheimen Nachlebens des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik der 70er Jahre an. Dabei lotet die Serie aus, mit welchen Geheimnissen es sich gerade noch leben lässt, und steht unter der Prämisse, dass die Vergangenheit einen immer wieder einholt. Der Konflikt, von dem FAUDA in drastischen Bildern eine Nah- und Innenperspektive bot, war in der Zeit von Entstehung und Ausstrahlung des Formats brandaktuell und wurde erst durch die Gnadenlosigkeit der Anschläge vom 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg durch die Realität überboten.
Symbole und Spiegelungen
Dagegen will THE GERMAN, das in großen Teilen mitten in diesem Krieg in Israel gedreht wurde, ein historisches Drama sein, das kein politisches Statement abgeben, sondern universell verständlich sein soll.
Als wollten sie ganz sicher gehen, dass die zentralen Konflikte in jedem Fall beim Publikum ankommen, arbeiten die Autor:innen von Anfang symbolträchtig und mit einander immer wieder aufgreifenden und spiegelnden Parallelhandlungen. So hat Uri als verantwortlicher Ingenieur im Kibbuz mit seinem Team eine Wasseraufbereitungsanlage entwickelt, die aus der schlimmsten Drecksbrühe reines Trinkwasser destilliert. Zum Wohl und für die finanzielle Unabhängigkeit des Kibbuz muss er sein Patent nun ausgerechnet an deutsche Investoren verkaufen, was eine Reise nach München unausweichlich macht.
Zur selben Zeit wie er hält sich auch sein Freund und Nachbar Rafi (Rotem Keinan) in der bayerischen Hauptstadt auf. Er arbeitet für den Mossad und ist einer Gruppe von untergetauchten SS-Angehörigen auf der Spur. Über sie hofft der Geheimdienst, Informationen zur neuen Identität und zum Aufenthaltsort von Joseph Mengele zu erlangen, der unter anderem als SS-Hauptsturmführer und Lagerarzt in Auschwitz für die Selektion der Deportierten zuständig war und im „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau verbrecherische Menschenversuche an Häftlingen durchführte. Doch Rafi hat einen Unfall, weshalb er den Freund bitten muss, an seiner Statt zum Treffen mit einem der überwachten Männer zu gehen. Gegen seinen ausdrücklichen Willen gerät Uri durch diesen Freundschaftsdienst in die Geheimdienstaktion und in Kontakt mit den Dämonen der Vergangenheit.
Parallele Linien
Weitere Handlungsstränge erzählen die Geschichten seiner Kinder und seiner Frau. Tamar verliebt sich in den US-Wissenschaftler Steven (Dan Shaked), der zur Übertragung und Bewältigung von Traumata forscht, und lädt ihn in den Kibbuz ein. Hier führt er Interviews mit Shoah-Überlebenden und trägt so dazu bei, deren Schweigen allmählich zu überwinden. Derweil schlägt Eitan im Hochgefühl seines Erfolgs in der Luftwaffe und einer ersten großen Liebe gehörig über Stränge. Dabei kommt es zu einem Todesfall, anschließenden Lügen und Verstrickungen, die Schuldgefühle und neues Unheil nach sich ziehen. Unter anderem geben sie einem Mossad-Kommandanten das Druckmittel an die Hand, Uri weiter in die Suche nach Mengele zu zwingen.
Und obgleich Uris Training für die Begegnungen mit den Nazis nur äußerst knapp ausfällt, gelingt es ihm vor Ort überraschend gut, alle Fallen zu kontern, die diese ihm stellen, um seine Legende zu prüfen. Sogar als die Herrenrunde aus dem Gruselkabinett der Geschichte ein anderes Lied anstimmt als das Lied der Waffen-SS, das Uri hat lernen müssen, singt er erhobenen Hauptes laut mit.
Zeitgleich findet Anna in Yad Vashem heraus, dass Manfred Goldstein, so Uris ursprünglicher Name, in Auschwitz ums Leben gekommen ist – beglaubigt durch die Aussage seines Bruders, den sie ebenfalls ausfindig macht. Am Ende der dritten Episode von THE GERMAN sieht es daher ganz so aus, als ob der von Oliver Masucci mit körperlicher Präsenz und angemessener charakterlicher Uneindeutigkeit gespielte Protagonist nicht der sei, der zu sein er vorgibt.
Täter die Opfer spielen
Ähnlich wie der Erzähler in Edgar Hilsenraths 1977 zuerst in Deutschland erschienenem Roman „Der Nazi und der Frisör“ könnte er statt der Überlebende der Shoah, als der ihn Frau, Kinder, Nachbarn und Freunde kennen, ein ehemaliger SS-Mann sein, der die Identität eines von ihm ermordeten Häftlings aus dem Vernichtungslagers bloß angenommen hat. Beispiele für solche Rollenwechsel von SS-Leuten angesichts der deutschen Niederlage sind dokumentiert – Bekanntheit hat etwa der Fall Ulrich Schnaft erlangt, der sich als Angehöriger der Waffen-SS nach dem Krieg als Jude ausgab, nach Israel ging, es bis zum Offizier der IDF brachte und bis zu seiner Enttarnung für Ägypten spionierte.
Diesen ungeheuerlichen Verdacht in der Konfrontation mit der Vergangenheit auszuräumen oder zu erhärten, bleiben der Serie bis zum Finale noch fünf ganze Episoden. Angesichts des bis hier eingeschlagenen Tempos ist durchaus von einigen weiteren erzählerischen Haken und Überraschungen auszugehen. Interessanter als die zwar spannenden, aber doch recht B-Movie artig in Szene gesetzten Münchener Episoden, in denen Uri erstaunlicher Weise beim Altnazi in einem Taxi mit liebevoll restauriertem Berliner (!) Nummernschild vorfährt, sind allerdings die Szenen, die vom Leben und der Arbeit im Kibbuz erzählen und in denen die Überlebenden sich allmählich Tamar, Steven und seinem Tonbandgerät öffnen.
THE GERMAN (Israel/USA 2025, 1 Staffel mit 8 Folgen à ca. 52 min.) Regie: Gabriel Bibliowicz, Buch: Moshe Zonder und Ronit Weiss-Berkowitz (1 Staffel mit 8 Folgen) mit Oliver Masucci, Ania Bukstein, Naya Bienstock u. a. Jetzt auf Magenta TV