Das East Village im New York City der späten 90er-Jahre: Auf engstem Raum prallen Kulturen und Lebensstile aufeinander, die Straßen und Bars sind bei Tag und Nacht gefüllt, und aus der Ferne grüßt das World Trade Center. Hier schlägt sich Hank (Austin Butler) als Barkeeper durch. Früher galt er als Baseball-Wunderkind, heute bleiben ihm nur der Alkohol, der in die Jahre gekommene Punkrock und sein immer noch jugendliches Aussehen. Das Dasein in seiner Blase gleicht einer endlosen Party.
Abgesehen von seiner Mutter, mit der er regelmäßig telefoniert, ist er niemandem verpflichtet, dementsprechend stört sich auch niemand daran, dass seine Wohnung immer noch einer Studentenbude gleicht. Einzig seine Freundin Yvonne (Zoë Kravitz) könnte seiner Existenz eine Richtung geben. Sie erwartet von ihm, dass er ihre Beziehung ernst nimmt und dafür sein Leben auf die Reihe bekommt.
Doch dann gerät er durch einen kleinen Gefallen in einen blutigen Konflikt unter Gangstern. Eigentlich soll er nur für einige Tage die Katze seines Nachbarn Russ (Matt Smith mit Nietenjacke und Irokesenschnitt) hüten. Bevor Hank weiß, wo ihm der Kopf steht, ist dieser gezeichnet von Blessuren aus Begegnungen mit aus allen Ecken auftauchenden russischen, puerto-ricanischen und jüdischen Angehörigen des organisierten Verbrechens.

Guter Rat, Angst und Witz
Dabei erweisen sich die Gegner schnell als die „echten Monster“ (im Original scary monsters), als die sie ihm gegenüber von police detective Elise Roman (Regina King) bezeichnet werden: Um zu bekommen, was sie wollen, gehen sie über Leichen, foltern und sind mit mehr als ein bisschen Hingabe bereit, Hank alles zu nehmen, das ihm etwas bedeutet. Dass er keinen Schimmer hat, um was es eigentlich geht, hilft ihm ebenso wenig, wie dass sich auch die Staatsgewalt in Gestalt von Roman als wenig freundlich gesinnt erweist.
„Wenn du vor dem wegläufst, was dir Angst macht, dann beherrscht es dich!“, erklärt Yvonne Hank noch bevor sein Kampf ums Überleben wirklich losgegangen ist. Und während Regisseur Darren Aronofsky zum stampfenden Soundtrack der britischen Postpunkband Idles Action und Geschwindigkeit immer weiter steigert, muss sein Protagonist auf die harte Tour lernen, wie Recht sie damit hat.
Vom Regisseur war zuletzt das zäh menschelnde Drama THE WHALE (2022) zu sehen. Zuvor erwarb er mit Filmen wie BLACK SWAN (2010) oder MOTHER! (2017) den Ruf als Spezialist für Psycho-Schocker mit Hang zu religiösen Themen. CAUGHT STEALING ist wegen der expliziten Gewalttätigkeit immer noch ein schmerzhaftes Werk, aber dabei sicherlich Aronofskys zugänglichstes und unterhaltsamstes bislang.
Back to the Nostalgia
Ähnlich wie Ethan Coen in der gemeinsam mit Ehefrau Tricia Cooke geschriebenen lesbian B-movie Triologie – in Deutschland war daraus bisher DRIVE-AWAY DOLLS (2024) zu sehen, Teil zwei: HONEY, DON’T folgt im September – besinnt sich auch Aronofsky in seinem neuen Film auf die eigenen Anfänge.
CAUGHT STEALING spielt in der Zeit und an dem Ort, an dem er selbst einst seinen Erstling PI (1998) drehte. Neben der visuellen und musikalischen Rekonstruktion dieser Periode greift er, genau wie Coen, deren Erzählstil mit seiner Vorliebe für eine Mischung aus zelebrierter Grausamkeit und Ironie auf – glücklicherweise ohne, dass er dabei ebenfalls ins vor allem episodenhaft Klamaukige abrutscht.
Die Grundlage bietet ihm der gleichnamige Roman von Charlie Huston, der nun auch das Drehbuch zum Film verfasst hat. Unter den Schichten des allgegenwärtigen Hedonismus kurz vorm Jahrtausendwechsel gräbt er nach den Kräften, die das Leben in der westlichen Welt auch vor 9/11 von einem Moment zum anderen in die Hölle auf Erden verwandeln konnten, die es immanent immer schon ist. Und wie so häufig findet sich der Urgrund allen Ungemachs in der Macht des Geldes.
Nicht neu, aber unterhaltsam
Weder die zugrunde liegende Küchenphilosophie US-amerikanischer Prägung noch die ihr zugehörigen Stereotype – minderbemittelt-gewaltgeile oder religiös fabulierende Schurken sowie ein Protagonist, der erst durch die Wucht der Ereignisse mit den eigenen Untiefen konfrontiert wird – erweisen sich als neu oder besonders originell.
Dennoch funktioniert CAUGHT STEALING im Sinne Aronofskys bestens. Im Interview fürs Presseheft gibt er an, beim Machen des Films habe ihn der Wunsch angetrieben, das Publikum zu unterhalten und zu bannen. Wenigstens für zwei Stunden möchte er so von den Verdrießlichkeiten der Welt außerhalb des Kinosaals ablenken, die heute als deutlich allgegenwärtiger empfunden würden als zu der Zeit, in der sich die Handlung zuträgt.
Das gelingt einerseits durch präzis in Szene gesetzte Action, stetig anziehendes Tempo und Humor, der tatsächlich aus der Anlage der Charaktere entwickelt wird. Andererseits hat Aronofsky mit Austin Butler – der zuletzt nicht nur als Elvis in Baz Luhrmanns gleichnamigen Biopic (2022), sondern auch als Rocker in THE BIKERIDERS (2023) oder Bösewicht in DUNE: PART TWO (2024) in Erscheinung trat –, Zoë Kravitz und Regina King ein Ensemble versammelt, das sich sehen lassen kann.
Als Protagonist wider Willen kann er hier neue Facetten ausleben. Darüber hinaus setzt sich das großartige Casting bis in die Nebenrollen fort: so spielen mit Liev Schreiber und Vincent D’Onofrio zwei Veteranen des amerikanischen Independent-Kinos die jüdisch-orthodoxen Killer – als wirkliche scary monsters.
CAUGHT STEALING, Regie: Darren Aronofsky (USA 2025, 106 min) mit Austin Butler, Regina King, Zoë Kravitz u. a.
Zuerst erschienen bei Kunst + Film