Irgendwo in Marokko: Helfende Hände stapeln vielgenutzte Boxen zu einer gigantischen Lautsprecherwand vor einer steil abstürzenden Felsflanke. Großaufnahmen zeigen, wie Kabel gesteckt und Schalter umgelegt werden. Bald dröhnt repetitiv schleifender Sound durch den Nachmittag und setzt einen Rave in Bewegung. Zu den Beats und Klangtexturen des Filmkomponisten und DJs Kangding Ray, die grummeln, als würden sich tektonische Platten aneinander reiben, tanzt eine Gemeinde vom Leben gezeichneter Reisender in Sachen Techno im staubigen Ambiente.
Hier geht es nicht darum, lustige Party-Selfies als Eigenwerbung für Insta zu produzieren. Ziel scheint eher, die Narben und Verletzungen von Welt und Selbst in einem Prozess der Ablösung hinter sich zu lassen und durch Trance in andere Sphären zu wechseln.

Auch im Kinosaal entfalten die Bässe ihre Wirkung, so dass das Publikum von Anfang durchaus körperlich begleitet, was die Figuren in SIRĀT, dem vierten Spielfilm des französischen Regisseurs, Drehbuchautors und Schauspielers Óliver Laxe erleben und erleiden. Mit von der Partie sind außer den Ravern ein Vater, Luis (Sergi López), und sein zwölfjähriger Sohn Esteban (Bruno Núñez). Ihnen geht es allerdings weniger darum, sich wie der Rest der Tanzenden in die Ekstase zu verlieren und Körpergrenzen aufheben zu wollen.
Auf der Suche
Vielmehr sind sie auf der Suche nach ihrer Tochter beziehungsweise Schwester Mar, die fünf Monaten zuvor auf einem ähnlichen Event verschwunden ist. Seitdem fehlt jedes Lebenszeichen von ihr, weshalb Luis und Esteban nun mit Handzetteln durch die Menge laufen und nach Hinweisen fragen.
Als am Nachmittag des nächsten Tags Militär eintrifft und die Party beendet, weil im Land der Ausnahmezustand ausgerufen wurde, bricht eine Gruppe von Ravern mit zwei geländegängigen 70er-Jahre-Bussen aus der Kohorte der zur Evakuation aufgereihten Fahrzeuge aus. Statt sich abschieben zu lassen, schlagen sie einen Weg durch Gebirge und Wüste tiefer ins Nirgendwo ein, zur nächsten, noch elementareren Musik- und Tanzerfahrung. Diese soll ganz im Süden des Landes, in einer umkämpften Grenzregion zur Westsahara stattfinden. Kurzentschlossen folgen ihnen Luis und Esteban in ihrem kaum wüstentauglichen Familienwagen.
Von den Vorbereitungen und der Dokumentation einer Party am Rand der bewohnbaren Welt entfernt sich Laxes Film damit in zunehmend existenziellere Gefilde. Als die Aussteiger, die Laxe mit tatsächlichen Techno Travellern ohne schauspielerische Erfahrung besetzt hat, Vater und Sohn nach anfänglicher Ablehnung als Weggefährten akzeptieren, wächst die ungleiche Gruppe zu einer Familie von in unterschiedlicher Weise Versehrten zusammen.
Unterschiede fallen immer weniger ins Gewicht
Dabei geht dem schweren, verschlossen wirkenden Luis das Verständnis für die Besessenheit der Raver, ihre Musik und Kultur zunächst vollständig ab. Getrieben von der Sorge um seine Tochter lässt er sich nur aus eigener Bedürftigkeit auf die Gemeinschaft mit dem tribalistischen Kollektiv ein.
Esteban dagegen ist schnell fasziniert von den tätowierten Gestalten mit ihren wilden Frisuren und der zärtlichen Fürsorge umeinander. Dass Josh (Joshua Liam Herderson) eine Beinprothese und Bigui (Richard Bigui Bellamy) auf einer Seite nur einen Armstumpf hat, mit dem er einmal ein satirisches Protestlied im Puppentheaterformat aufführt, wird – wie die charakterlichen Besonderheiten der einzelnen Personen auch – nicht weiter thematisiert oder bewertet.
Angesichts des apokalyptischen Zustands des Planeten und der Herausforderungen der Reise nach Süden entlang zunehmend tiefer werdender Abgründe fallen Unterschiede zwischen den Individuen immer weniger ins Gewicht.
Von MAD MAX bis ZABRISKIE POINT
In SIRĀT verschmilzt Óliver Laxe jedoch nicht nur Bewegungen und Geschichten souverän miteinander, die auf den ersten Blick scheinbar kaum in einen Erzählfluss gebracht werden können. Auf dem Weg seiner Figuren wandelt sich auch der Film selbst einige Male und nimmt Motive aus Wüsten- und Abenteuerfilmen auf oder fügt sich ins Genre der Endzeiterzählungen ein.
Immer wieder fühlt man sich an die MAD MAX-Reihe von George Miller (seit 1979) erinnert; aber auch Assoziationen an die sich im Wüstensand liebenden Hippies aus Michelangelo Antonionis ZABRISKIE POINT (1970) oder die Gemeinschaft der ständig in Bewegung bleibenden Vampire in Kathryn Bigelows NEAR DARK – DIE NACHT HAT IHREN PREIS (1987) stellen sich ein.
Zusammengehalten wird das einerseits von den kontrastreichen 16mm-Bildern des Kameramanns Mauro Herce. Im Mittelteil des Films lassen sie die nächtliche Reise der gleichsam durch die Wüste schwebenden stählernen Vehikel in langen Überblendungen wie eine Raumschiffflotte in den Weiten des Alls wirken. Im Voranschreiten der Erzählung scheinen sich die Bilder dann aber gerade da, wo sie mittags bei senkrecht am Himmel stehender Sonne aufgenommen worden sind, mehr und mehr zu verdunkeln.
Andererseits trägt die mit dem Rave eingeführte Filmmusik bis zuletzt dazu bei, die Atmosphäre konstant dicht zu halten, sooft Richtung und Stimmung auch wechseln.
Schicksalsschläge und Zusammenhalt
Nach und nach suchen Schicksalsschläge die Protagonisten heim und verlangen auch den Zuschauern einiges ab – bis zum absurd-spannenden Ende, das gleichermaßen an den Kinosessel fesselt wie es den Wunsch weckt, den Blick abzuwenden.
Passend zu den existenzialistischen Schrecken ist der Titel. In der Lehre des Islam von den letzten Dingen bezeichnet As-Sirāt die Brücke, die Verstorbene überqueren müssen, um ins Paradies zu gelangen. Beschrieben wird sie als dünn wie ein Haar und scharf wie das schärfste Messer; wessen Vertrauen in Gott nicht ausreicht, stürzt von ihr hinab in den Schlund der Hölle.
Laxe, der selbst mit schwarzem Bart und wallendem Haar ein wenig wie ein Sufi auftritt, versteht SIRĀT denn auch als im etymologischen Sinne des Wortes „religiös“. In seiner Lesart bezieht er sich dabei auf die Bedeutung des in „Religion“ enthaltenen lateinischen Verbs ligare, das unter anderem verbinden und vereinigen heißt.
„Ich wollte einen Film machen, der die Wiederverzauberung in der heutigen Welt feiert. Ich gehöre zu denen, die an die Rückkehr des Heiligen glauben“, erklärte er im Interview auf dem Festival La Semaine de la critique.
SIRĀT, der zusammen mit dem ebenfalls so ungewöhnlichen wie sehenswerten deutschen Wettbewerbsbeitrag IN DIE SONNE SCHAUEN (2025) von Mascha Schilinski den Preis der Jury bei den diesjährigen Filmfestspiele in Cannes gewonnen hat, ist eine beatgestützte Meditation über die Lage des Menschen am gefühlten Abgrund der Zeit.
Er wirft seine Figuren in einer Weise auf Fragen des nackten Überlebens zurück, wie man es im Kino in dieser Intensität länger nicht erlebt hat. Dennoch findet er zuletzt ein Schlussbild, das zwar die vorherigen Schrecken nicht ungeschehen macht, aber durchaus als Plädoyer dafür zu verstehen ist, die Hoffnung nicht aufzugeben.
SIRĀT, Regie: Óliver Laxe (Frankreich/Spanien 2025 120 min) mit Sergi López, Bruno Núñez, Jade Oukid u. a.