Im Winter kommt Regen über Europa. Kälte gibt es 2031 nicht mehr. Im Januar beobachten die Menschen, wie Bäume austreiben und fühlen sich in ihren T-Shirts desorientiert. Aber nicht nur das Klima schlägt in Marius Goldhorns zweitem Roman „Die Prozesse“ Kapriolen. Auch politisch ist der Kontinent in Aufruhr. Vielerorts herrscht Kriegsrecht und in Brüssel kommt es zu Unruhen. Aufständische besetzen das Haus der Europäischen Geschichte. Im anschließenden Belagerungszustand bildet sich eine neue Gemeinschaft.

Zerfall und Reenactment

Die Situation stellt auch die Beziehung der beiden Protagonisten auf die Probe. Ezra, der Sohn eines Diplomaten, bloggt unter dem Namen Deborn über das sechste Massenaussterben und hat für revolutionäre Bestrebungen angesichts der Katastrophe nur Verachtung übrig. Dagegen fühlt sich der namenlose Ich-Erzähler den Kommunarden nahe, die in Reenactments die Verbrechen der Geschichte bannen wollen.

Nach einem Anschlag auf Ezra verlassen sie dennoch gemeinsam die Stadt. Sie schlagen sich nach Ligurien durch, um auf einem entlegenen Hof zur Ruhe zu kommen. Aber ihre Differenzen treiben sie weiter auseinander. Ezra zieht sich ganz in sich zurück und verfasst handschriftlich sein erstes Buch unter dem Titel „Ökozid und Inschrift“. Der Erzähler dagegen beginnt, ihre gemeinsame Geschichte aufzuzeichnen, nicht zuletzt, um zu sich selbst zurückzufinden.

In kurzen Hauptsätzen schildert Goldhorn die Konflikte seiner Figuren inmitten eines engmaschigen Netzes aus Bezügen zu den Krisen einer Welt, die unter dem Erbe der kolonialistischen Globalisierung leidet. Wie bereits in seinem Erstling „Park“ lässt er die Innenwelten der Charaktere in lakonischen Beschreibungen ihrer Mediennutzung und alltäglichen Dialogen lebendig werden. Stilistisch erinnert das an den Christian Kracht aus „1979“ – nur kippt die Erzählung bei Goldhorn nicht in mystische Weltflucht. Stattdessen erwächst aus der Erkenntnis, dass alles existiert und danach verlangt zu existieren, eine Hinwendung zum Leben gegen jede Chance.

Marius Goldhorn: Die Prozesse. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025, 288 Seiten, 23 Euro