„Ich und Willas Mom, wir waren krass unterwegs. Wir haben wirklich üblen Scheiß gemacht.“ So fasst Bob Ferguson (Leonardo DiCaprio) die Zeit vor der Geburt seiner Tochter (Chase Infiniti) zusammen. Damals war er als Ghetto Pat bekannt; Willas Mom, seine Frau und große Liebe Perfidia Beverly Hills (Teyana Taylor), ist verschwunden, als Willa noch ein Baby war. Dennoch schildert Bob sie bis in die Gegenwart stets als Heldin.

Mit „wirklich üblem Scheiß“ meint er den bewaffneten Kampf zu Beginn des neuen Milleniums: Mit der mehrheitlich schwarz und weiblich dominierten Widerstandsgruppe „French 75“ hat er militärisch gedrillt und mit großen Mengen an Sprengstoff gegen die Härten der von einer saturierten weißen Oberschicht autoritär regierten USA gekämpft. Unter anderen stürmt die Gruppe ein Gefangenlager selbst paramilitärisch auftretenden Immigrationseindämmungsbehörde ICE, in dem mehrere hundert Eingewanderte festgesetzt sind, und befreit diese.

Dabei trifft die – um es vorsichtig zu sagen – sex positive bis liebestolle Perfidia auf den befehlshabenden Colonel Steven J. Lockjaw (Sean Penn). Sie überwältigt und demütigt ihn mit großem Genuss an der Sache sexuell. Damit schafft sie sich einen Feind fürs Leben. Doch Lockjaw will nicht einfach Rache; er ist von der Idee besessen, sich die ihm in ihrer Wildheit überlegene Frau gefügig zu machen.

Eine Mutter verschwindet

Kurz nach der Geburt von Willa, während Lockjaw die Gruppe mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln verfolgt und zerschlägt, gelingt es ihm, Perfidia zu verhaften. Aber dem Zeugenschutzprogramm, in dem er sie für seinen direkten Zugriff untergebracht hat, entflieht sie und taucht ab. Auch Bob und Willa erhalten, bis Willa sechzehn ist, kein Lebenszeichen mehr von ihr.

Willa Ferguson-Beverly Hills (Chase Infiniti) hat mehr von ihrer Mutter geerbt als nur die schönen braunen Augen. Bild: © 2025 Warner Bros. Entertainment Inc. Alle Rechte vorbehalten

Mit ONE BATTLE AFTER ANOTHER setzt Paul Thomas Anderson zum zweiten Mal nach INHERENT VICE – NATÜRLICHE MÄNGEL (2014) eine Thomas Pynchon Vorlage um, den Roman „Vineland“. Das Herz von Buch und Film bildet die Vater-Tochter-Beziehung. 16 Jahre nach den wilden Zeiten hat sich Bob mit Willa vor der Welt ins Provinznest Baktan Cross zurückgezogen. Hier untersagt er strikt die Nutzung von Mobiltelefonen und Social Media und überwacht penibel den Umgang seiner Tochter.

Ein Dude im Paranoia-Modus

In der Rolle als paranoid verdrogter Ex-Revolutionär wirkt er wie der Dude aus THE BIG LEBOWSKI (1998) der Coen-Brüder, ein Kiffer, der seiner Privatmythologie nach zur Anti-Vietnamkriegsgruppe der „Seattle Seven“ gehört hat. Allerdings befindet er sich ständigen im Ausnahmezustand. Als Willa eines Tages entführt wird, erweisen sich alle Befürchtungen Bobs, für den ihn die Tochter immer belächelt hat, plötzlich als absolut berechtigt. Damit bleibt nichts, als mit Hilfe seines Freundes Sensei Sergio (Benicio del Toro), einem durch nichts aus der Ruhe zu bringenden Karatelehrer, noch einmal in die Schlacht zu ziehen.

Zu dumm nur, dass Bob sich aufgrund seines Drogenkonsums kaum an die wichtigsten Passwörter für die Kommunikation mit seinen früheren Waffenbrüdern erinnern kann. Und an körperlichem Training mangelt es ihm obendrein.

Großes Spektakel mit Biss

Mit Witz, Slapstick und Spannung, in der politischen Lagebeschreibung aber auch einer Menge ganz ernst gemeinter Boshaftigkeit inszeniert Anderson ein in jeder Minute fesselndes komisches Drama vor dem Hintergrund dystopisch anmutender gesellschaftlicher Entwicklungen. Zwar folgt er inhaltlich nicht wirklich der Romanvorlage, aktualisiert sie aber unter Beibehaltung zentraler Bestandteile ganz im Geiste Pynchons.

Sprechende Namen, von Flüchen und sexualisierten Schweinereien durchtränkte Sprache der Charaktere  und die Behauptung einer Parallelgeschichte hinter den Fassaden der offiziellen Politik – Andersons Film bringt die literarische Welt des so genannten großen Unbekannten unter den amerikanischen Autoren für die heutige Zeit auf den Punkt.

Kaum überraschend für Pynchon-Kenner macht daher bald mit dem „Christmas Adventure Club“ neben dem Militär eine weitere Verbindung mächtiger weißer Rassisten Jagd auf Bob und die seinen. Deren Mitglieder grüßen sich mit einem putzigen „Heiliger Nikolaus!“, sind aber eine über Leichen gehende Killer-Elite. Auf den Plan gerufen werden sie durch den Colonel, dem eine Mitgliedschaft in dieser Vereinigung die Verwirklichung seiner Existenz bedeutet. Das wird sich auch bewahrheiten, nur anders, als er denkt …

All das wird in durchgängig großartigen Bildern im brillanten Vista Vision Format gebannt. Eine Autoverfolgungsjagd, wie sie gegen Ende unter Einbeziehung der wüstenartigen Landschaft inszeniert wird, hat man wahrscheinlich seit der Mutter aller car chases, Steve McQueens 20 minütiger Stuntfahrt in BULLITT (1968), nicht zu sehen bekommen.

Superstar Power und Paroli durch Newcomer

Vor allem aber kann sich Anderson auf die schauspielerische Power seiner Superstars verlassen. Sowohl DiCaprio als auch Penn laufen als stummfilmartig tollpatschiger Terrorist und aufgeblasen durchs Bild staksender Militär mit Stirnlocke zu persönlicher Höchstform auf.

Doch auch der Newcomerin Chase Infiniti fällt es an keiner Stelle schwer, ihren Mit- und Gegenspielern Paroli zu bieten. Dazu tut – wie immer bei Anderson – der Soundtrack ein Übriges, die emotionale und popkulturelle Dimension des Werks an den richtigen Stellen kongenial zu verstärken.

Verwunderlich ist eigentlich nur, dass ONE BATTLE AFTER ANOTHER – zumindest bisher – in Amerika noch nicht per Präsidialerlass verboten worden ist. Dem aktuellen republikanisch-trumpistischen Zeitgeist stellt er jedenfalls kein gutes Zeugnis aus.

 
ONE BATTLE AFTER ANOTHER (USA 2025, 161 min.) Regie und Drehbuch: Paul Thomas Anderson. Mit Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Chase Infiniti, Teyana Taylor, Benicio del Toro u. a.