Eine junge Frau, Laura (Paula Beer), steht auf einer Betonbrücke und blickt aufs Wasser hinab. Vom Verkehr auf der nahen Autobahn und seinen Geräuschen scheint sie wie abgekoppelt. Auch zusammen mit ihrem Freund Jakob (Philip Froissant) wirkt sie später abwesend. Zwar gelingt es ihr nicht, einen Grund für ihre Teilnahmslosigkeit zu benennen, aber etwas ist nicht in Ordnung – mit ihr, mit den anderen, mit der Welt.
Über Land holpern
Daher muss eine gemeinsame Landpartie mit einem befreundeten Pärchen schon kurz nach dem Start wieder abgebrochen werden. Verstimmt fährt Jakob Laura im roten Cabrio der augenscheinlich vor allem ihm wichtigen Bekannten in Richtung des nächstgelegenen Bahnhofs. Auf dem Weg überfährt er in einer das spätere Geschehen schicksalhaft vorwegnehmenden Begegnung beinahe eine schwarzgekleidete Frau. Gleich darauf haben sie einen schweren Unfall.
Er ereignet sich außerhalb des Bildes, findet nur als Geräusch auf der Tonspur statt, während das Bild bei Betty (Barbara Auer), der Frau an der Straße, verweilt. Nach einem kurzen Scheppern sind aufgeschreckte Vögel zu hören. Die Kamera erreicht die Unfallstelle erst gemeinsam mit dem Blick Bettys, die sofort losgelaufen ist. Nun liegt das Cabrio in einem Feld auf der Seite, und Jakob, den Kopf an einem Findling zertrümmert, ist tot, Laura dagegen nur leicht verletzt.
Zwischen ihr und Betty jedoch passiert gleich bei dieser frühen Begegnung etwas. Es kommt zu einer Art Liebe auf den ersten Blick. Nach der Versorgung durch Sanitäter und Polizei lädt Betty Laura ein, fürs Erste bei ihr zu wohnen, bis sie wieder zu Kräften gekommen ist. Das nimmt Laura, die sowieso nicht weiß, wohin mit sich, gerne an.

Zufällige Bindungen und geheime Sommerleben
Als wären sie Mutter und Tochter, beginnen die Frauen ein gemeinsames Sommerleben. Mehr an persönlichen Details als ihre Vornamen verraten sie einander nicht. Betty stattet Laura mit passender, ihrem Alter gemäßer Kleidung aus und bringt ihr Kaffee ans Bett. Laura hilft Betty im Gegenzug den Zaun zu streichen und bietet an, für sie zu kochen. Von Jakob ist bis auf Weiteres nicht mehr die Rede. Einmal nennt Betty Laura versehentlich Jelena. Mehr an Vergangenheit ist zunächst in der Idylle der Provinz nicht zugelassen.
Zu dem gemeinsam geplanten Essen werden aber „Bettys Männer“ eingeladen: Richard (Matthias Brandt), der Ehemann, und ihr gemeinsamer Sohn Max (Enno Trebs). Es gibt Königsberger Klopse, das Lieblingsessen der um den Tisch versammelten Wahlfamilie. Doch kaum sind die ersten Bissen gegessen, beginnen Richard und Max, Handwerker, wie sie im Buche stehen, Dinge im Haus zu reparieren. Schließlich kann es nicht sein, dass der Wasserhahn tropft oder die Spülmaschine nicht spült.
Dass es auch über die Haushaltsgegenstände hinaus einiges gibt, was gewartet und wieder in Schuss gebracht werden müsste, deutet sich in den Momenten an, in denen das Gespräch stockt. Dann trifft das freundliche Gezänk auf vermintes familiäres Terrain, das augenscheinlich gemieden werden muss. Mehr als einmal bringen die Figuren plötzlich Distanz zwischen sich; etwa durch einen überstürzten Aufbruch der Männer, die mit einem Mal sofort zurück in die Werkstatt, ihren Ort im Film, müssen.
Film ist Bewegung
Auch Laura wird den Weg zwischen Wohnhaus und Werkstatt auf einem von Max für sie fitgemachten Fahrrad immer wieder zurücklegen, während sie sich ins Leben der durch ihre Anwesenheit neu zusammenwachsenden Familie einpasst. Dabei wird ihr mehr und mehr klar, dass Bettys Großherzigkeit nicht ganz so uneigennützig ist, wie es zunächst den Anschein hat. Indem sie Laura bei sich aufnimmt, versucht sie augenscheinlich, eine Leerstelle in ihrem eigenen Leben zu füllen. Eher als Laura, die durch den Unfall praktisch neu geboren wurde und zunächst gar kein Verhältnis zu ihrer Vergangenheit zu haben scheint, sind Richard und vor allem Max in Sorge, dass die neue Konstellation sich für Betty als wenig glücklich erweisen wird.
Genaueres über die Verletzungen seiner Figuren erzählt Petzold in MIROIRS NO.3 nicht. Wie sie aber in kleinen gemeinsamen Momenten versuchen, tastend ihren Platz in der Welt (wieder-) zu finden, hat einiges für sich. So zum Beispiel, wenn Max und Laura, die sich sichtlich sympathisch sind, aber nicht wissen, wohin hier irgendetwas führen soll, beim Musikhören in ein spontanes Lachen ausbrechen.
Dazu werden in den klaren und irgendwann auch wolkenverhangenen Bildern von Petzolds langjährigem Kameramann Hans Fromm der Sommer auf dem Land und eine erste Ahnung von seinem Ende auf einnehmende Art spürbar. Im Rhythmus des Wechsels von subjektiven und objektiven Einstellungen ziehen die Charaktere ihre Bahnen durch die Landschaft.
Der etwas kryptische Titel MIROIRS NO.3 bezieht sich auf den Klavierzyklus „Miroirs“ des Komponisten Maurice Ravel, dessen drittes Stück mit „Une barque sur l’océan“ (Eine Barke auf dem Ozean) überschrieben ist. Dies ist das Klavierstück, das Laura, die in Berlin Musik studiert, in zwei Schlüsselszenen in der Mitte und kurz vor dem Ende des Films spielen wird. Wie auf einem Ozean treiben die Figuren derweil fern der restlichen Welt in ihrer Idylle aufeinander zu und hoffen auf Heilung im Zusammensein. Diese lässt sich aber selbstverständlich höchstens bedingt erreichen.
Kreisen ums eigene Werk
Dass die Verhältnisse zwischen den Charakteren überzeugend und immer wieder auch mit einigem Witz ausgelotet werden, verdankt sich vor allem dem einmal mehr unaufgeregt auftretenden Ensemble, auf das Petzold zurückgreifen kann. Paula Beer ist als Zentrum seines filmischen Universums Nina Hoss bereits 2018 mit TRANSIT gefolgt und hat anschließend in UNDINE (2020) und ROTER HIMMEL (2023) jeweils die Hauptrolle gespielt; auch mit Barbara Auer, Matthias Brand und Enno Trebs hat der Regisseur zum Teil schon mehrfach zusammengearbeitet.
Doch trotz aller Leichtigkeit und dem für Petzold so wichtigen Eigenleben der Filmcharaktere, deren Motive die Zuschauenden sich immer ein Stück weit selbst erschließen müssen, erreicht MIROIRS NO.3 weder die ironisch gebrochene Dramatik von ROTER HIMMEL noch die politisch-existenzielle Dringlichkeit von TRANSIT.
Im langen Gespräch im Presseheft erklärt der Regisseur, wie sich sein Nachdenken über Themen, die im Film eine Rolle spielen, von seinem Frühwerk bis heute verändert und verfeinert habe. So greife er hier das Thema vom Verlust eines Kindes und seinen Folgen wieder auf, das bereits in WOLFSBURG (2003) und GESPENSTER (2005) eine wichtige Rolle gespielt hat; romantische Motive wie das Hingezogen werden einer geheimnisvollen Frau (die selbst fast schon ein Petzold-Stereotyp ist) zu den Elementen von Natur und Wasser hat er mit Beer zuvor schon in UNDINE ausbuchstabiert.
Bildungsbürgerliches Best of
Weniger wohlwollend als aus der Innenperspektive des Werkzusammenhangs könnte man daher finden, dass das Drehbuch dieses Films alles in allem doch arg zusammenkonstruiert daherkommt. Selbst wenn man hinnimmt, dass mit dem initial auf dem Land verunglückten Cabrio vor allem eine Filmzitat vorliegt – spontan fällt einem etwa Godards WEEKEND (1967) ein – und eine märchenhafte Parallelwelt betreten wird. Womöglich hat sich diese mit den Standup-Paddlern auf dem Kanal in den ersten Einstellungen bereits angekündigt.
Verweise die doch auf den mythischen Fährmann Charon, der die Seelen über den Styx ins Totenreich übersetzt. Dennoch wird kaum plausibel, wie der Unfall in seiner Heftigkeit zustande gekommen sein soll. Das auf den Straßen Brandenburgs zu inszenieren, wäre aber wohl kaum ein Problem gewesen. Künden dort doch an vielen Kurven und Bäumen Kreuze von tatsächlich tragischen Folgen des Straßenverkehrs.
Ein wenig stellt sich stattdessen der Eindruck ein, Petzold habe wiederkehrende Elemente seiner Filme holprig zu einer Art Best of zusammengestellt – und dann das Glück gehabt, dass seine Schauspieler:innen dem durch ihr Spiel in vielen guten Momenten tatsächlich Stringenz verleihen.
MIROIRS NO.3 (Deutschland 2025, 86 min.) Regie: Christian Petzold (86 min) mit Paula Beer, Barbara Auer, Matthias Brandt u. a.