Retueyos 2025: Aktuelle Perspektiven auf die Welt im jungen Autorenkino

Die Retueyos Section des Gijón/Xixón International Film Festivals (FICX) hat es sich zur Aufgabe gemacht, schon heute zu erkunden, in welche Richtung sich das Kino in den kommenden Jahren entwickeln wird. Als FIPRESCI Jury bei der 63ten Ausgabe des Filmfests hatten wir – Joan Pons Pinac, Julien Camy und Holger Heiland – die Aufgabe, die dreizehn Filme des offiziellen Wettbewerbs zu sehen, zu diskutieren und schließlich einen von ihnen mit dem FIPRESCI Preis auszuzeichnen – in Anbetracht der vielen im Programm enthaltenen guten Ideen, frischen Perspektiven und aufstrebenden Talente keine einfache Aufgabe.

Die Reise

Unsere Reise begann mit Brother Verses Brother (2025) von Ari Gold, einer radikal persönlichen musikalischen Odyssee durch San Francisco. Inspiriert von Francis Ford Coppolas Konzept des Live Cinema kommt man dabei den Brüdern Ari und Ethan Gold auf berührende Weise nahe, die im Film Versionen ihrer selbst spielen.

Magic Farm (2025) von Amalia Ulman begleitet den Aufenthalt einer US-amerikanischen Filmcrew auf der Suche nach neuen Trends nach Argentinien. Doch schlampige Kommunikation lässt sie an einem anderen Ort ankommen als dem gewünschten Ziel. Vor dem Hintergrund interner Querelen und einer von der global operierenden Crop Science Industrie verursachten Umweltkatastrophe entwickelt sich der Film von einer effekthascherischen Satire zu größerer Tiefe; aus den Verbindungen mit der ansässigen Bevölkerung ergeben sich neue Beziehungen, in denen sich die Locals den digitalen Neokolonialisten in mancher Hinsicht als überlegen erweisen. Der Film erhielt den Preis der Jugendjury.

Ebenfalls viel gereist, allerdings in eher unaufgeregtem Tempo wird in Sugarland (2025), dem ersten Langfilm der österreichischen Autorin und Regisseurin Isabella Brunäcker. Großteils in und aus einem PKW gefilmt, kommt darin ein vom Zufall zusammengeführtes Paar einander und dem Zuschauer näher als erwartet – und behält dennoch bis zuletzt einige Geheimnisse für sich. Dafür haben wir den Spezialpreis der Retueyos Jury vergeben (ohne FIPRESCI Zertifikat).

Ein junges Model, das von einer Karriere in China träumt, und ein Maler, der in einer Leichenhalle arbeitet und seine Obduktionserfahrungen in Gemälde bannt, sind die Protagonisten, die Elsa Kremser und Levin Peter in White Snail (2025), einer in Belarus angesiedelten österreichisch-deutschen Koproduktion, mit großer Ruhe beobachten. Obwohl ihre Charaktere dokumentarisch entwickelt wurden, beinhaltet ihr Film magische Momente.

Ivana Mladenovics Sorella di Clausura (2025) nimmt das Publikum mit in ein von diversen Problemen gebeuteltes Rumänien und fragt, ob nicht vielleicht das ganze Universum denjenigen zu Hilfe kommen sollte, die sich etwas von ganzem Herzen wünschen. Die turbulent-chaotische Komödie erhielt den CIMA Preis für den ersten Langfilm in der Regie einer Frau.

Mit Caravan (Karavan, 2025) von Zuzana Kirchnerová geht es zusammen mit der Protagonistin Ester und ihrem Sohn David, dessen Verhalten von seinem Down Syndrom und Autismus bestimmt werden, in den Süden Italiens. Als eine Travellerin zu ihnen stößt, weitet sich die enge Mutter-Sohn-Beziehung für eine Zeit zum Trio. Neue Erfahrungen eröffnen neue Gefühlswelten, führen aber auch zu neuen Konflikten.

Der Siegerfilm

Mit Skiff (2025) bekamen wir den überragenden Film des Wettbewerbs zu sehen. Der zweite abendfüllende Spielfilm der belgischen Regisseurin Cecilia Verheyden erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte, die sich ganz der Unsicherheit von Körperzuständen und Freundes- und Familienverbänden widmet. Neben großer erzählerischer Exzellenz und grandiosen Bildideen wird er vor allem vom Gesicht der jungen Schauspielerin Femke Vanhove geprägt, dessen Ausdruckskraft sicherlich noch für einiges Aufmerksamkeit im Kino sorgen wird.

Protagonistin Malou (Femke Vanhove) und Nouria (Lina Miftah), die Freundin ihres Bruders. Bild: (c) 2025 Flanders Image

In der Dokumentation Plaza Mayor (2025) von Marcos M. Merino macht die Retueyos-Reise dann Station in der Festivalstadt Gijón. Aus Archivmaterialien und eigenen Bildern vom Hauptplatz der Stadt, versehen mit einem mehrstimmigen Offtext, wird ein Porträt Gijóns, seiner Bewohner und der Region, wie sie war und wie sie sich wandelt, entworfen. Anhand seines Materials fragt der Film auch nach den Bedingungen von Erinnerung an sich und ihrer Bindung an den Ort.

Von den Schwierigkeiten, sich als Elternpaar in einer Welt zu behaupten, in der die Versprechungen von Polyamorie und sexuellem Eskapismus nicht nur locken, sondern über das eigene Glück und Wertigkeitsgefühl entscheiden sollen, erzählt Eric K. Boulianne in seinem in einer kanadischen Großstadt spielenden Film Follies (Folichonneries, 2025).

In der serbischen Provinz bildet Wind, Talk to Me (Vetre, pričaj sa mnom, 2025) von Stefan Djordjević mit Angehörigen der Familie des Filmmachers betont unaufgeregt ein Mutter-Sohn-Verhältnis ab und nimmt dabei die umgebende Natur und ihre Kräfte in den Fokus, ohne dabei allerdings die Überzeugungskraft ähnlich gelagerter und auf vielen Festivals bereits gesehener Werke zu erlangen.

Von Mutterschaft in vielen Facetten und den Hindernissen, die ein mittelalterlich anmutendes Rechtssystem gleichgeschlechtlichen Paaren selbst im sich auf der Höhe zivilisatorischer Möglichkeiten wähnenden Paris in den Weg legt, berichtet mit einnehmenden Schauspielerinnen, präziser Regie und großartigem Einsatz von Musik Alice Douards Langfimdebut Love Letters (Des preuves d’amour, 2025). Der Film erhält mit dem Premio EUROPA FILM FESTIVALS – Europa Joven einen der Publikumspreise des Festivals.

Ebenfalls in Frankreich spielt Stereo Girls (Les Immortelles, 2025) von Caroline Deruas Peano. Er erzählt schwärmerisch von der Freundschaft zweier unzertrennlicher 17jähriger Schülerinnen, die von einer Musikkarriere in der Metropole träumen. Doch eine Tragödie macht ihren Träumen ein Ende und fordert von einer der Protagonistinnen, allein einen Weg zu finden, um sie dennoch am Leben zu erhalten.

Mit A Light That Never Goes Out (Jossain on valo joka ei sammu, 2025) von Lauri-Matti Parppei endet die Reise durch den aktuellen jungen Film schließlich in einer finnischen Kleinstadt. Hier findet ein aufsteigender Star der klassischen Musikszene nach einem Zusammenbruch neue Freundschaften und einen radikal anderen künstlerischen Ansatz als bisher.

Der Retueyos Wettbewerb bei der 63ten Ausgabe des Filmfests Gijón zeichnete sich durch seine Auswahl an Filmen aus, die bei großer künstlerischer Diversität ihren Fokus auf aktuelle Konflikte echter Menschen in nachvollziehbaren Zusammenhängen richten. Diese Ausrichtung der Programmacher bei der Zusammenstellung lässt Gijón zu einem Ort werden, an dem wichtige Stimmen eines kommenden Autorenkinos früh entdeckt werden können. Für die Autoren ist das Festival der Ort, um sich erstmals mit einem interessierten Publikum und Professionellen aus dem Filmgeschäft zu verbinden.