Lotte (Paula Schindler) lebt an der Schwelle zum 19. Jahrhundert als Magd auf einem Schloss in Sangerhausen im damals zu Sachsen gehörenden Südharz. Und sie hat genug davon, Teppiche auszuklopfen und den Nachttopf ihres Herrn zu leeren.

Auch wenn sie zugeben muss, dass dieser manchmal hübsche Zeilen zustande bringt. Besonders seine Beschreibung einer „blauen Blume“ hat es ihr angetan. Aber dass er sich deshalb gleich „Novalis“, also der Neulandrodende, nennen muss, scheint ihr doch reichlich überkandidelt.

Angesichts solcher hochherrschaftlicher Verrücktheit beschließt sie, mit ihrem Geliebten nach Frankreich zu fliehen, wo es eine Revolution gegeben haben soll. Dort, so glaubt sie, wird sie bereits auf Erden die Freiheit finden, auf die sie nur im Himmel hoffen kann, sofern sie weiter in der deutschen Provinz bleibt.

Lotte (Paula Schindler) liest von der blauen Blume. Bild: Grandfilm Blue Monticola (c) 2025

Ebenfalls in Sangerhausen, allerdings in der Gegenwart, verliebt sich eine junge proletarische Frau, Ursula (Clara Schwinning), in die Geigerin Sophie (Henriette Confurius) aus Berlin, eine entfernte Nachfahrin von Novalis. Die gebildete Musikerin ist für ein Gastspiel in der Provinz und lässt sich, weil es so gut klingt, lieber Zulima als Sophie nennen. Schon nach dem ersten gemeinsam verbrachten Abend werden Ursulas romantische Träumereien enttäuscht.

Zur selben Zeit versucht sich die aus dem Iran geflüchtete Youtuberin Neda (Maral Keshavarz) im Sachsen-Anhaltischen als Reise-Influencerin. Doch ihrem Vorhaben ist von Anfang an kein Erfolg beschieden. Und während es an verschiedenen Orten der als Rosenstadt bekannten Kreisstadt zu spuken beginnt, kreuzen sich die Handlungsstränge und verbinden sich in komödiantischen, dramatischen und melancholischen Momenten miteinander.

Was dazu führt, dass immerhin für den Moment neue Freundschaften in schwierigen Verhältnissen entstehen und nicht alles Hoffen auf die Möglichkeit einer besser eingerichteten Welt gänzlich vergebens scheint. Für musikalische Unterhaltung sorgen die Einlagen eines Altherrengesangsduos, das die Rosenstadt auf den Straßen derselben besingt.

Viel los in Sangerhausen

Schon auf der Handlungsebene ist in Julian Radlmaiers dritten Spielfilm »Sehnsucht in Sangerhausen«, der im August in Locarno Premiere feierte, eine Menge los. Wie in SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES und der marxistischen Vampirkomödie BLUTSAUGER prägt vor allem des Regisseurs eigenwillige Betrachtung der Welt den Film.

Er selbst spricht von einem „schrägen Blickwinkel“. Naturalistische Momente prekärer Arbeits wechseln sich mit Bildern dahinziehender Wolken ab. Das Schwelgen in Ansichten vollhängender Kirschbäumen und ihrer reifen Früchte wird von allerlei slapstickhaften Szenen gebrochen, es wird über das Leben und die Möglichkeiten von Liebe, Freundschaft und (Selbst-)Verwirklichung im Feudalismus und im Kapitalismus philosophiert. Zwischendurch blicken wohlfrisierte Pudel arrogant in die Runde, Nackt-Walker spazieren über Bergkämme und hübsche kleine Feldsteine wechseln ihre Besitzerinnen – allesamt wiederkehrende Motive, die das Geschehen auf ganz eigene Art rhythmisieren.

Ein Bild, das den Berg Hohe Linde zeigt, der mit seinen 400 Metern über Normalnull sowohl die mittelalterlichen Gassen als auch die Plattenbauviertel der ostdeutschen Stadt überragt, war für Radlmaier der Anstoß, in Sangerhausen seinen Film zu drehen. Der ebenmäßige künstliche Berg besteht aus dem Abraum des industriellen Kupferbergbaus in der Region zwischen 1944 und 1990. Die Bergbautradition der Gegend reicht weit ins Mittelalter zurück. Kein Wunder, dass das Erdreich weitläufig unterminiert und von geheimen Gängen durchzogen ist, in die vorzudringen sich die Protagonist:in­nen nicht nehmen lassen.

Re­signative Abwehr alles Fremden

Überirdisch zeigt sich die Region wenig einladend. Es gibt aber einige touristische Hotspots: die Altstadt, vor allem das um 1900 gegründete Rosarium, das eine der größten Rosensammlungen der Welt beherbergt, und der nahegelegene Kyffhäuser, jener Berg, in dem deutschnationalen Mythen zufolge der Kaiser Barbarossa schläft, um irgendwann aufzuerstehen und sein Reich neu zu ordnen. Rund um die Stadt dämmert die Provinz dahin. Seit mit dem Ende der DDR der Bergbau aufgegeben wurde, hat sich in der Bevölkerung eine re­signativ abwehrende Haltung gegen alles Fremde und Andersartige als alltagskultureller Mainstream verallgemeinert.

Eingefangen wird die Unfreundlichkeit in vielen den Menschen der Region abgelauschten Dialogen, etwa wenn auf die Frage „Darf ich Sie mal etwas fragen?“ die Antwort nicht anders lauten kann als: „Sie könn’s ja mal versuchen.“ Vor allem aber zeigt sich diese Mentalität in abwertenden Beurteilungen und Verdächtigungen, die sich gegen den Koreaner Sung-Nam (Kyung-Taek Lie) richten. Er, der sich als Fremdenführer mit VW-Bus versucht, hat in der Entwicklung des Plots eine wichtige Funktion inne.

Auch in den beiden vorherigen Filmen Radlmaiers hat Lie, der Vater des Berliner Filmwissenschaftlers Sulgi Lie, schon ähnliche Rollen gespielt. Trotz ihrer offensichtlichen Erfolglosigkeit ist es schließlich seine Figur, die mit einer durch nichts zu erschütternden Ruhe den übrigen Charakteren ein Gefühl von Geborgenheit oder kurzfristigem Angekommensein schenkt und Momente gemeinschaftlicher Resilienz ermöglicht.

Einsatz der Musik überbrückt zeitliche und kulturelle Distanzen

Gemeinsam mit Kameramann ­Faraz Fesharaki zeigt Radlmaier eine Welt, die mit ihren seltsamen Orten und geologischen wie historischen Schichten an eine Kulisse der Augsburger Puppenkiste erinnert. In Bildern, in denen kunstvoll arrangierte Details und choreographierte Gruppenaufnahmen mit behenden Schwenks über die Landschaft, unheimlich wirkenden Zooms und zufällig anmutenden Weitansichten abwechseln, legt der Film in komödiantischer Weise Zeugnis von den Härten des Lebens an den Rändern der Gesellschaft ab.

Inmitten der gereizt-aggressiven Stimmung, die die Region beherrscht, suchen die Figuren nach Wegen, die eigene Unzufriedenheit zu überwinden; zugleich müssen sie sich in mehreren Jobs verausgaben, um wenigstens die Miete und das Lebensnotwendige erwirtschaften zu können. Neda muss sich zudem noch mit der deutschen Bürokratie herumschlagen, um ihren Aufenthaltsstatus nicht zu verlieren. Die Frauen wollen an kleine Wunder glauben, gehen gemeinsam auf Gespensterjagd und finden überraschende Gemeinsamkeiten, die weit in die Vergangenheit zurückreichen.

Der Einsatz der Musik überbrückt dabei zeitliche und kulturelle Distanzen. Kunstvolle Melodien aus Werken der Romantik treffen auf sehnsuchtstriefende Schlager und Volksweisen, etwa ein Lied, in dem es heißt: „In Sangerhausen, dieser kleinen Rosenstadt, die schöne Rosen und auch schöne Mädchen hat“.

An keiner Stelle verfällt Radlmaier dabei in die Rolle eines Besserwissers, der diffamiert, was er vorfindet. Stattdessen wählt er aus, arrangiert und schafft aus den einzelnen Teilen etwas Neues mit großer Wirkung. Der Film formuliert keine pauschale Liebeserklärung an den Osten Deutschlands, aber er adelt jene Menschen, die in den abgehängten Landstrichen leben und sich beherzt der Tristesse entgegenstellen.

SEHNSUCHT IN SANGERHAUSEN (Deutschland, 2025). Regie und Buch: Julian Radlmaier. Darsteller: Clara Schwinning, Maral ­Keshavarz, Henriette Confurius u. a.