Erste Sätze

„Heute ist Mama gestorben.“ Auf den berühmten Satz, mit dem Albert Camus’ Roman „Der Fremde“ beginnt, wartet man in François Ozons Verfilmung vergeblich. Stattdessen stellt der Regisseur seiner Version des 1942 erschienenen Klassikers der Literatur des Absurden, der ganze Generationen von bleichen jungen Männern zu Trägern schwarzer Rollkragenpullis machte, einen Zusammenschnitt von Archivaufnahmen aus der in den dreißiger Jahren florierenden Stadt Algier voran.

Die existentialistische Erzählung von dem Mann, der bei der Beerdigung seiner Mutter keine Träne vergießt, sich stattdessen am nächsten Tag eine Geliebte nimmt, mehr oder weniger durch Zufall einen anderen Mann – „den Araber“ – erschießt und schließlich zum Tode verurteilt wird, stellt der Vorspann in einen historischen Kontext. Zu beschwingt jazziger Musik preist ein Sprecher wie aus der Tourismuswerbung die Schönheit der algerischen Metropole und ihrer mediterranen Umgebung und lädt ein, in die sich entwickelnden französischen Départements Nordafrikas zu reisen oder sich dort niederzulassen.

Schnell ergeben sich jedoch Dissonanzen: Eine Gruppe von Männern in traditioneller örtlicher Kleidung blickt feindselig in die Kamera; auf eine Wand wird in frischer Farbe „Front de libération nationale“ geschmiert, wogegen Siedler in hellen Anzügen ihre Treue zum französischen Mutterland bekunden. In diese Szenerie der Anspannung zwischen Kolonialherren als Menschen erster und heimischer Bevölkerung als Menschen zweiter Klasse (beziehungsweise, wie es offiziell hieß: französischen Staatsbürgern und Untertanen) wird der Protagonist von Ozon im wahrsten Sinn des Wortes geworfen. 

Seinen ersten Auftritt hat der von Benjamin Voisin gespielte Meursault bei seiner Einlieferung in eine überfüllte Gefängniszelle, in der er offenbar der einzige Franzose ist. Von einem Mitgefangenen gefragt, was er verbrochen habe, antwortet er, ohne zu zögern: „Ich habe einen Araber getötet.“

Ökonomie und Schönheit

In konzentrierten Schwarzweißbildern, in denen die Luft vor Hitze förmlich flimmert – im Buch heißt es, der Tag sei in „einem Ozean aus kochendem Metall vor Anker gegangen“ – und die Schatten dunkle Grenzbereiche markieren, überträgt Kameramann Manuel Dacosse die Schilderungen Camus’ kongenial ins filmische Medium. Rückblenden zeigen, wie der Protagonist in die ausweglose Lage als zum Tode verurteilter Mörder in einer schäbigen Zelle gekommen ist.

Im Interview im Presseheft gibt der Regisseur für seine Entscheidung für Schwarzweiß gleichermaßen wirtschaftliche wie ästhetische Gründe an. Einerseits habe das Budget nicht ausgereicht, das Algier der dreißiger Jahre realistisch in Farbe zu rekonstruieren; andererseits vermittle das Schwarzweiß „eine Form von Reinheit, Schönheit und Abstraktion“, die im Vergleich zu den heute üblichen aggressiveren farbgesättigten Bildern eher in der Lage sei, der Geschichte eine fast metaphysische Dimension zu verleihen. Nichts anderes scheint ihrem philosophischen Anspruch angemessen. 

Wie die Hauptfigur der Erzählung hält sich der Film so insgesamt zurück; in meist statischen Einstellungen beobachtet er, wie die Figuren Räume, Landschaft und Stille bevölkern, wie sie sich bewegen und in kleinen Gesten Zeugnis von ihren Gefühlen oder deren Abwesenheit ablegen.

Gefühle und Genuss

Meist ist es – zumindest im ersten der beiden Teile, in die Meursaults Bericht gegliedert ist – das Fehlen von Gefühl sowie die allgemeine Distanz, die das Verhältnis des Hauptcharakters zu seiner Umgebung ausmachen. Als Angestellter in einem Büro, der seinen Aufgaben zwar beflissen, aber ohne jedes Interesse nachkommt, lebt er antriebslos vor sich hin. Das heißt nicht, dass er nicht in der Lage wäre, das Leben zu genießen oder die Schönheit der Welt wahrzunehmen.

Immerhin ist er stets wie Patrick Bateman in „American Psycho“ rund 50 Jahre später um eine angemessene Bräune besorgt. Er liebt es zu schwimmen, seinen Körper zu spüren oder den Kopf probeweise auf den Bauch von Marie (Rebecca Marder) zu betten, die er am Tag, als er vom Tod seiner Mutter erfährt, nach längerer Zeit wiedertrifft. Auch der Sex mit ihr bereitet ihm Genuss.

Sein Leben folgt einfachen Rhythmiken: Wenn er rauchen will, raucht er, wenn er Hunger hat, isst er, wenn er mit der Freundin schlafen will, schläft er mit ihr. Die Erwartungen und Konventionen seiner Umwelt scheinen ihm ebenso gleichgültig wie der Verlust der Mutter. Trauer über ihren Tod mag er nicht vorschützen, Lügen, auch kleine Notlügen lehnt er ab. Seine Direktheit wird ihm vor Gericht zum Verhängnis werden.

Meursault (Benjamin Voisin) und Marie (Rebecca Marder) genießen die Sonne. Bild: © Foz Gaumont – France2Cinema

Auch im Zusammensein mit Marie führt seine unumwundene Art zu Missverständnissen und Zweifeln an seiner Integrität. Etwa wenn er auf Maries Frage, ob er sie heiraten werde, mehrfach „ja“ sagt und das auch so meint, auf die Frage, ob er sie liebe, aber keineswegs entsprechend euphorisch antwortet. Dass er sich über sein Gefühl nicht klar ist und es daher nicht Liebe nennen will, wertet Marie nicht etwa als Wille zur Wahrhaftigkeit, sondern vielmehr als Gefühlskälte.

Delon, Belmondo, Voisin

1967 hat Luchino Visconti DER FREMDE mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle verfilmt. Ozons Einschätzung, dass Alain Delon, den Visconti ursprünglich für die Rolle des Meursault im Auge gehabt haben soll, die bessere Wahl gewesen wäre, kann man teilen. Mit Benjamin Voisin, mit dem Ozon bereits bei SOMMER 85 (2020) zusammengearbeitet hat, wählt er einen Darsteller, der bei allem Delon-haften Enigma auch die verspielte Unschuld des jungen Jean-Paul Belmondo aufblitzen lassen kann, zum Beispiel wenn er sich beim Rauchen im Spiegel betrachtet und dabei die Zigarette im Mund bewegt.

Die Regieanweisung habe oft gelautet, weniger und noch weniger zu spielen. So erklärt es Ozon im Interview. Zu beobachten sei oft wichtiger gewesen als zu agieren. Zum Beispiel, wenn Meursault sich durch eine Gefälligkeit für seinen manipulativen Nachbarn Raymond (Pierre Lottin) in dessen Machenschaften verstrickt, was in der Folge zu einer Schlägerei mit einer Gruppe algerischer Männer am Strand und zu dem tödlichen Schuss auf einen von ihnen führt.

Seine Freundin Marie wird weiter zu ihm halten. Es ist das große Verdienst von Ozons Film, diese Rolle stärker zu gewichten als die Romanvorlage. Die von Rebecca Marder verkörperte Marie ist nicht nur zufälliges Objekt der Begierde Meursaults, sondern selbst ein ebenso starker und freier wie sinnlicher Charakter. Sie beweist Mut, als sie sich gegen die Konventionen der damaligen Zeit auf Meursault einlässt, sich in ihn verliebt und alle Höhen und Tiefen mit ihm durchlebt. Auch gegenüber der ehemaligen Geliebten von Raymond und Schwester des Getöteten, Djemila (Hajar Bouzaouit), verhält sie sich im Gericht zugewandt, womit immerhin die Möglichkeit einer Überwindung der Zweiklassengesellschaft aus Kolonialisten und Einheimischen angedeutet wird – auch wenn deren Abschaffung erst 20 Jahre später nach einem blutigem Befreiungskrieg erfolgte.

Sicherlich nicht zuletzt im Anschluss an Kamel Daouds vielbeachteten Roman „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ (2014) erhält im Film auch das Opfer, das bei Camus immer nur als „der Araber“ vorkommt, endlich seinen Namen – Moussa (Abderrahmane Dehkani).

Der Fremde (Frankreich 2025). Drehbuch und Regie: François Ozon. Mit Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin u. a.