Ein geräumiges Holzhaus in Oslo bildet den Mittelpunkt von Joachim Triers SENTIMENTAL VALUE. Sein altmodischer Charme, der sich in lichtdurchfluteten und skandinavisch reduziert ausgestatteten Räumen dem aktuellen Geschmack andient, lässt sich als symptomatisch fürs Werk des norwegischen Autorenfilmers verstehen.

In diesem Ambiente hat Nora Borg (Renate Reinsve), die in der norwegischen Hauptstadt ein Theaterstar ist, Kindheit und Jugend verbracht – und dabei erlebt, wie ihre Familie auseinanderbrach. Nach Jahren des Streits mit der Mutter ist Vater Gustav (Stellan Skarsgård) ausgezogen und hat sie mit den Töchtern Nora und Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) allein zurückgelassen.

Jedenfalls ist das Noras Sicht auf die Dinge; geblieben ist ihr vom Familiendrama das Gefühl, nicht angenommen worden zu sein. Das äußert sich in Bindungsunfähigkeit und extremem Lampenfieber vor Auftritten. Die jüngere Agnes hingegen hat ihre eigene Familie gegründet und versucht so regelmäßig wie erfolglos, ihre Schwester in die Behaglichkeit dieser intakten Gemeinschaft zu integrieren.

Der Vater als Wiedergänger

Als ihre Mutter Sissel (Marianne Vassbotn Klasson) stirbt und die Schwestern das Haus verkaufen müssen, steht zur Beerdigungsfeier mit einem Mal auch der Vater wieder auf den knarzenden Dielen im Wohnzimmer. Der ehemals erfolgreiche Filmemacher plant mit einem persönlichen Film sein Comeback und legt Nora das Drehbuch vor. Er will es für sie geschrieben haben und bietet ihr die Hauptrolle an.

Mit seiner Wiederkehr doppelt sich die Struktur von Triers sechstem Film. Neben die über das Haus verknüpften Verbindungen zwischen den Generationen tritt eine Reflexion über den Vater. Sein Schreiben und Filmemachen und seine von Freiheitsdrang und Abstürzen gekennzeichnete Lebensweise spiegeln sich in Noras eigener Künstlerexistenz.

Die Schwestern Nora (Renate Reinsve, li.) und Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) sind füreinander da. Foto: © Plaion Pictures

Zeit der Anspannung im Osloer Licht

Für die Schwestern beginnt mit Gustavs Rückkehr jedoch in erster Linie eine Zeit der Anspannung. Sie steigert sich, als es ihm entgegen Noras Einschätzung gelingt, eine Finanzierung für sein Filmprojekt zu erhalten. Dazu besetzt er die von ihr verschmähte Rolle mit dem aufstrebenden US-Filmstar Rachel Kemp (Elle Fanning), was in Oslo für jede Menge Aufmerksamkeit sorgt.

Vom Tod des Urgroßvaters im späteren Kinderzimmer bis zur Räumung des Hauses für den Verkauf springt das Drehbuch, das Trier gemeinsam mit Eskil Vogt verfasst hat, immer wieder in der Zeit vor und zurück, durch Jahre und Jahreszeiten. Wie Vogt hat auch Kameramann Kasper Tuxen mit Trier bereits an dessen erfolgreichem Vorgängerfilm DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT (2021) gearbeitet. Nun lässt er Stadt, Interieurs und den Borgschen Garten mit der charakteristischen Lücke im Zaun in den klaren Farben des Osloer Lichts erstrahlen.

Familienporträt mit Melancholie und Humor

So ergibt sich auf handwerklich einnehmendem Niveau das Porträt einer Familie, das wie in einem Bühnenstück von Ibsen oder Tschechow akkurat psychologisch grundiert ist. Wie bei diesen Vorbildern tendiert es immer wieder zum Tragisch-Melancholischen. Das mutet durch den getragenen Fluss des Films häufig betulich an.

Doch gibt es immer wieder Momente, die mit Humor die latente Schwere brechen; etwa wenn das Haus selbst zu Wort kommt. In einem Aufsatz, den Nora in der Schule schreiben musste, erzählt es, wie es sich mit dem Gewicht seiner Bewohner und ihrer Handlungen fühlt.

Französische Episode à la Woody Allen

Immer wieder unterstreicht ein poppiger Folk-Sound die Zärtlichkeit der familiären Bindungen. An anderen Stellen stellt leichtfüßiger Jazz im Soundtrack Nähe zu einem weiteren Vorbild her, das deutlich erkennbar ist: Woody Allen mit seinen frühen Filmen. Auf sie verweisen insbesondere die Szenen beim Filmfest in Deauville, in denen Gustav Rachel kennenlernt.

In dieser französischen Episode outet sich die junge, gerade zum internationalen Leinwandstar avancierte Amerikanerin als Fan von Gustav und seinen Filmen, was ganz seinem Selbstbild entspricht. Als er sich daraufhin bemüht, sie aus den Fängen ihres Agenten zu befreien, ist das zwar nicht unberechtigt, aber auch nicht uneigennützig.

Solides Buch, beeindruckende Darsteller

Das führt zu witzigen Szenen wie jener, in der er einen morgendlichen Reiter am Strand überredet, Rachel in wehenden Gewändern von ihrer Gruppe fortzubringen. Deutlich wird: Gustav will das unrealisierte Potenzial seiner neuen Muse durch seine Kunst freisetzen, indem er sie in eine Wiedergängerin seiner Tochter verwandelt.

SENTIMENTAL VALUE ist sicher kein Film, der das Kino neu erfindet oder eine neue Sicht auf die Welt eröffnet. Doch das beansprucht er auch an keiner Stelle. Stattdessen verlässt sich Trier auf ein grundsolides Drehbuch, ein gut zusammenarbeitendes Dreh-Team und vor allem das beeindruckende Schauspiel seines sehenswerten Ensembles – vom internationalen Großschauspieler Skarsgård bis zum Kinderdarsteller von Agnes’ Sohn.

SENTIMENTAL VALUE (NOrwegen, Schweden, Dänemark, Deutschland 2025, 135 min.) Regie: Joachim Trier. Mit: Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Inga Ibsdotter Lilleaas, Elle Fanning