Fatima (Nadia Melliti) wächst als jüngste Tochter einer algerischen Einwandererfamilie in einer Pariser Vorstadt auf. Während sich ihre beiden Schwestern traditionell kleiden und tagein tagaus an der Seite der Mutter bleiben, um Kochen, Backen und alles rund um die Haushaltsführung zu lernen, nähert sich die 17jährige der Küche nur dann, wenn gemeinsam gegessen wird.

In Jeans, Hoodie und mit Baseballkappe wirkt sie selbstbewusst, wenn auch meist in sich gekehrt – wie ein Gegenentwurf zu den Frauen- und Mädchenbildern des Milieus, aus dem sie stammt. Immer wieder trainiert sie allein auf dem Bolzplatz mit dem Ball; in der Oberschule, die sie erfolgreich absolviert, hängt sie mit einer Clique ab, die im Klassenraum und auf dem Hof den Ton angibt.

Respekt erhält Fatima für ihre Schlagfertigkeit, denn wenn sie mal etwas sagt, trifft sie den Nagel auf den Kopf. Morgens holt ein Mitschüler sie mit dem Motorrad ab; unter den Anfeuerungsrufen der Jungs aus dem Viertel geht’s auf dem Hinterrad zur Schule. Als gläubige Muslimin ist Fatima bereits vor Sonnenaufgang aufgestanden und hat auf dem Balkon der Hochhauswohnung ihr Gebet verrichtet.

Sex und die Banlieue

Fatima (Nadia Melliti) zeigt kaum einmal eine Regung. Bild: (c) KathuStudio_ArteFrance_mk2Films_AlamodeFilm

Darstellerpreis in Cannes für Nadia Melliti

Ergibt sich mehr Distanz, bildet Nadia Mellitis kontrolliert körperliches Spiel in ihrer ersten Leinwandrolle, für die sie gleich den Darstellerpreis bei den Filmfestspielen von Cannes gewonnen hat, das Innenleben der Protagonistin allein durch die Art ab, wie sie aufrecht sitzt oder tief die Hände in den Jackentaschen vergräbt. In vielen Szenen wirkt es, als sei sie in die Welt gestellt, um allein durch ihre Anwesenheit die angenommene Normalität der Umgebung in Frage zu stellen. Auch in späteren Szenen, wenn Fatima als Philosophiestudentin einen neuen, bourgeois-feierwütigen Freundeskreis findet und erste Erfahrungen mit Frauen macht, ist sie sowohl Mittelpunkt als auch Außenseiterin.

Geschickt spielt Herzi hier mit den Erwartungen des Publikums. Durch die Widersprüche zwischen Herkunft, Charakter und Lebensweg der Protagonistin bei gleichzeitigem Wissen um den wachsenden Druck eines reaktionären kulturellen und sozialen Backlashs, der gerade auf denen lastet, die noch auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt sind, scheint Fatimas Entwicklung durchgehend bedroht. Ständig erwartet man, dass ein Ereignis eintritt, das sie in die Katastrophe führt, die latente Feindschaft der Umwelt gegen alles aus der Reihe Tanzende in manifeste Aggression umschlagen lässt.

Doch dann ergeben sich immer wieder eher herzliche Momente insbesondere im Zusammensein mit der Mutter, aber auch absurd komische Situationen, etwa wenn das Anbahnungsgespräch mit einer erfahrenen Dating-Partnerin in einem in einer dunklen Stadtbrache geparkten Auto zur theoretischen Lehr- und Fragestunde über homosexuelle Praktiken wird.

Große Gefühle, große Schmerzen

Erst mit der koreanischen Krankenschwester Ji-Na (Park Ji-min) jedoch trifft Fatima auf den Menschen, mit dem sie die erste wirkliche Liebe erlebt. Bevor allerdings alles zu idyllisch gerät, muss sie lernen, wie schnell gerade die großen Gefühle in ebenso großen Schmerz münden.

Herzi ist mit ihrer filmischen Adaption das einfühlsame und glaubwürdige Porträt einer jungen Frau gelungen, die sich von der Übermacht der Verhältnisse zuletzt eben nicht verrückt machen lässt, sondern ihren eigenen Weg findet und geht. Damit reiht sich DIE JÜNGSTE TOCHTER in eine kleine Welle von Produktionen aus der französischsprachigen Welt, die verwandte Themen ähnlich feinfühlig behandeln.

Kleine Welle von feinfühligen Produktionen aus der französischsprachigen Welt

Insbesondere 15 LIEBESBEWEISE (2025), der erste Spielfilm der Drehbuchautorin und Regisseurin Alice Douard, ist hier zu nennen. Er startete, ausgezeichnet mit dem Publikumspreis des Filmfests Hamburg, in Deutschland bereits am 4. Dezember in den Kinos. Mit präziser Regie und großartigem Einsatz von Musik handelt er einerseits von den Hürden, die gleichgeschlechtlichen, verheirateten Paaren auch heute noch in den Weg gestellt werden, wenn eine der Partnerinnen das Kind der anderen adoptieren will, um das gemeinsames Sorgerecht zu erhalten. Andererseits kreist er auf mehreren Ebenen um das Thema Mutterschaft und mit ihr verbundene Freuden, Fallstricke und Verletzungen.

Oder Anna Cazenave Cambets LOVE ME TENDER (2025). Darin spielt eine überragende Vicky Krieps eine Frau, die nach der Trennung von ihrem Mann lesbische Beziehungen eingeht, woraufhin der Ex alles daransetzt, ihr das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn zu entziehen. Auch hier sorgt das französische Rechtssystem in seiner bürokratischen Trägheit für einen langjährigen Kampf samt der damit verbundenen Verletzungen. Obwohl Krieps für ihre Performance für den europäischen Filmpreis nominiert ist, gibt es für den Film bisher noch keinen deutschen Starttermin.

Ebenfalls in diese Reihe gehört schließlich die belgisch-niederländisch-schwedische Produktion SKIFF (2025). Der Erstlingsfilm der belgischen Regisseurin Cecilia Verheyden erzählt mit überragenden Bildideen und der sensationellen jungen Hauptdarstellerin Femke Vanhove von der queeren Selbstfindung seiner 15jährigen Protagonistin. Diese verliebt sich beim ersten Aufeinandertreffen in die neue Freundin ihres geliebten großen Bruders – größte innere wie äußere Konflikte sind programmiert. Auch dieser Film wartet noch auch seinen Deutschlandstart.

DIE JÜNGEST TOCHTER (Frankreich 2025) Buch und Regie: Hafsia Herzi. Mit Nadia Melliti, Park Ji-min, Amina Ben Mohamed.