Masha (Marya Imbro) ist ein Model aus Belarus, 1,74 Meter groß, mit fast weißer Haut, die sie tagsüber im Freien mit einem Schirm vor UV-Strahlung schützen muss. Nach ersten erfolgreichen Aufträgen in Asien besucht sie eine Modelschule in Minsk und träumt davon, das Land bei nächster Gelegenheit in Richtung China zu verlassen. Dort will sie eine internationale Karriere starten. Von ihrer Lehrerin wird sie aufgrund ihrer Professionalität und ihres Aussehens bevorzugt, die Mitschüler:innen neiden ihr die Sonderstellung.
Aber nicht nur das trägt dazu bei, dass Masha sich isoliert fühlt, auch ihre familiäre Situation ist schwierig: Der Vater ist abwesend, weil ins Ausland emigriert, ihre Mutter wacht übergriffig über sie. Nach einem Selbstmordversuch erwacht Masha zu Beginn des Films WHITE SNAIL in einem Krankenhauszimmer, von dem aus sie nachts die Übergabe von Leichen an die Pathologie mit ihrem Handy filmt.
Misha (Mikhail Senkov), der in der Leichenhalle als Obduktionsassistent arbeitet, hat Malerei studiert und ist wie Masha ein Einzelgänger. Massig und über und über tätowiert erscheint er wie die Antithese zur fragilen und fast transparent wirkenden jungen Frau. Als sie eines Nachts im strömenden Regen vor der Tür seines Arbeitsorts steht und behauptet, sie sei auf der Suche nach einem vermissten Verwandten, überfordert das Misha zunächst. Dennoch lässt er sie nach kurzer Gegenwehr ein und zeigt ihr die Leiche, an der er gerade arbeitet.

Zwischen Licht und Dunkelheit
Von nun an lässt Masha nicht mehr locker; immer wieder kreuzt sie bei Misha auf, bis der allein mit seiner Mutter und seinen Gemälden in einer Plattenbauwohnung lebende, gut 20 Jahre ältere Mann beginnt, sich ihr zu öffnen. Er zeigt und erklärt ihr seine dunklen, großformatigen Gemälde, auf denen die Leichen aus seiner Arbeitswelt mit meist offenen Wunden miteinander und mit der Welt interagieren, was auf Masha eine eigentümliche Anziehung ausübt.
Von Anfang an verbindet die so gegensätzlich wirkenden Außenseiter eine aus ihrer Einsamkeit erwachsende Stärke. In ihrem Regiekommentar zum Film sprechen Elsa Kremser und Levin Peter, ein österreichisch-deutsches Filmemacherduo, das mit WHITE SNAIL nach einigen experimentellen Dokumentarfilmen nun sein Spielfilmdebüt vorlegt, von einem „zarten, beharrlichen Strahlen, das sie von der Welt um sie herum abhebt“.
Dabei strahlt die städtische Umgebung in den Minsker Außenbezirken selbst ebenfalls auf überraschende Weise. Jede Shopping Mall und viele moderne Gebäudekomplexe wirken so aufwändig illuminiert, als sollte gleißendes Licht die Dunkelheit noch aus den letzten Winkeln der Quartiere vertreiben. Um dieser fast allgegenwärtigen Durchleuchtung zu entgehen, muss man sich schon in private Wohnungen oder die nahen Wälder zurückziehen. Hier wie dort finden sich eine Menge an Aberglauben und überraschende Relikte vergangener Zeiten.
Exorzismus gegen Depression
So muss sich Masha, bevor Misha mehr Raum in ihrem Leben einnimmt, auf Geheiß ihrer Mutter einem Exorzismus unterziehen, der sie von ihrer Depression erlösen soll. In einer Wohnung, die mit ihrem Wartebereich an eine Naturheilpraxis erinnert, nimmt sie dafür auf einer Behandlungsliege Platz, und eine Schamanin, der die Mutter ihr Vertrauen schenkt, entzündet Kerzen auf ihrem entblößten Rücken. Dann bespritzt sie ihre Klientin mit heißem Wachs, peitscht sie und beschwört raunend bis schreiend die Geister, von denen sie annimmt, sie hätten von Masha Besitz ergriffen.
Erst als diese in Misha einen Freund außerhalb ihrer bis dahin gewohnten Welt findet, schafft sie es, sich gegen solcherart Behandlung zur Wehr zu setzen. Doch nicht alle Familienrituale gibt sie auf. Mutter und Tochter schwören zur Pflege ihres Teints auf das Sekret weißer Schnecken; diese lassen sie regelmäßig über ihre Gesichter kriechen.
Damit folgen sie einem Social-Media-Trend aus Asien, und es wird klar, dass der global-digitale Raum eine wichtige Quelle von Bedeutung im belarussischen Privaten ist. Wie sonst sollte Masha auch ihr Profil an internationale Kund:innen bringen? Zudem setzt sich ihr Selbstbild zu großen Anteilen aus dem zusammen, was von ihr sich in den glatten Oberflächen der Displays spiegelt und in beständig selbst aufgenommenen Clips zu sehen ist.
Die Annäherung braucht Zeit
Selbstverständlich läuft unter diesen Umständen die Annäherung zweier eingekapselter Charaktere nicht ohne Herausforderungen und Missverständnisse ab. Dass Masha vieles von dem, was Misha ihr mit der Zeit als sein Innerstes offenbart, nicht ernst nimmt und sogar damit spielt, bringt ihn an den Rand der Verzweiflung.
So zum Beispiel, als sie darauf besteht, in einem See zu schwimmen, von dem er gerade erklärt hat, er sei von Geistern bewohnt und somit heilig. Hier ist es Masha allerdings nicht genug, sich bloß über sein Verbot hinwegzusetzen; es gelingt ihr sogar, Misha ebenfalls ins Wasser zu zwingen, was er ihr im Nachhinein, als sie sagt, sie habe doch nur einen Spaß machen wollen, ernsthaft übelnimmt.
Kremser und Peter haben sich für die Entwicklung ihres Projekts mehr als zehn Jahre Zeit gelassen. Schon mit ihrem Diplomfilm sei Kremser in Minsk auf ein Festival eingeladen gewesen, erzählte sie einmal. Dort habe sie den tatsächlich in einer Leichenhalle arbeitenden Künstler Mikhail Senkov, der Misha spielt, kennengelernt, dessen Bilder ihr Regiepartner Peter als Aufforderung ans Publikum versteht, das Leid, das er dort gesehen hat, ebenfalls wahrzunehmen. „Eigentlich haben wir Belarus durch seine Bilder kennengelernt“, erzählt Peter.
50 Drehtage in Belarus
Auch Marya Imbro, die Masha spielt, haben sie in Minsk getroffen, ohne dass sie nach ihr gesucht hätten. Kremser berichtet, dass das Model sie angesprochen habe „aufgrund ihrer Gedanken über ihren Körper und auch ihrer Probleme mit Depression, mit denen sie offen umging“. Damals sei sie 19 Jahre alt gewesen und habe betont, keine Schauspielerin zu sein. Besonders wichtig sei den Filmemacher:innen gewesen, dass sie das Drehbuch über die Jahre gemeinsam mit ihren Hauptdarsteller:innen entwickelt haben – wobei diese einander vor dem ersten Drehtag nicht begegnen durften.
Wie bei einem Dokumentarfilm hätten sie, wie Kremser erklärt, Wissen über ihre Figuren gesammelt, indem sie die Erfahrungen der Darsteller:innen und eigene Beobachtungen in Belarus als Material nutzten. Anschließend sei es darum gegangen, dieses Wissen in langen Takes fruchtbar zu machen und Misha und Masha in vorgegebenen Settings miteinander interagieren zu lassen, ohne dass die Szenen in ihren Details ausgearbeitet waren. Um dieses experimentelle Vorgehen verwirklichen zu können, mussten sie fast 50 Tagen in Belarus drehen.
Dass ihr Film nicht nur stringent wirkt, sondern sogar neben allem Naturalismus mit einem wirklich schönen Stück magischem Realismus als Höhepunkt aufwarten kann, zeigt, dass es sich durchaus lohnt, solche Wagnisse einzugehen und auch im Spielfilmbereich abseits etablierter Erzählstrategien zu arbeiten.
WHITE SNAIL (Österreich/Deutschland 2025). Buch und Regie: Elsa Kremser und Levin Peter. Darsteller: Marya Imbro, Mikhail Senkov u.a. Filmstart: 29. Januar