Zehn Tage Filmfest liegen hinter uns, das heißt in meinem Fall ziemlich genau 40 Filme. Um da etwas Ordnung hineinzubringen, hier nicht etwa eine Top 10, sondern eher ein Erinnerungsprotokoll in Listenform. Was hat bewegt, wo kann man auch in Zukunft mehr erwarten?
Los geht’s!
Panorama
ROYA von Mahnaz Mahammadi ist eins der bedrückensten Werke des Jahrgangs. Es beginnt mit Innenansichten aus dem berüchtigten Evin-Gefängnis, in denen mehr zu spüren als zu sehen ist. Denn Roya (beeindruckend: Melisa Sözen) muss, sobald sie ihre Zelle verlässt und in Foltertrakte und zu Verhören geführt wird, eine Augenbinde tragen. Von ihren Peinigern wird sie mit dem Tod ihres Vaters konfrontiert. Um sich von ihm zu verabschieden, erhält sie drei Tage Freigang mit Fußfessel. Im Anschluss soll sie, eine Unidozentin und Frauenrechtlerin, ein öffentliches Geständnis ihrer Schuld ablegen.
Eng an eigene Erfahrungen angelehnt, bei deren Schilderung Autorin und Regisseurin Mohammadi sich aus Rücksicht auf das Publikum selbst zensiert habe, wie die beim Q&A nach der Weltpremiere sagt, folgt ihre Erzählung den Wegen und Eindrücken ihrer Protagonistin. Es stellt sich heraus, dass gar nicht ihr Vater, sondern ihre Schwester gestorben ist. Kalkulierte Lügen über solche Schicksalsschläge gehören zum breit gefächerten Arsenal der Mittel, mit denen politische Gefangene gebrochen werden sollen.
In der Folge gerät für Roya die Welt aus den Fugen. Erlittene Schmerzen und Verletzungen überlagern die Wahrnehmung. Vergangenheit und Gegenwart vermengen sich. Doch aller Angst zum Trotz bleibt ihr immer noch ein Rest an Willenskraft, der es ihr ermöglicht, sich den Forderungen der Unterdrücker zu verweigern. Sicherlich das wichtigste politische Statement des Festivals zum gegenwärtigen Stand der Dinge.

PARADISE von Jérémy Comte beschäftigt sich mit einer Verbindungen zwischen Afrika und den Metropolenbewohner:innen Nordamerikas und Europas, die auch in der Literatur in den letzten Jahren prominent ihren Niederschlag gefunden hat: dem Love Scamming. Durch eine traumartige Logik und nachvollziehbare Parallelisierungen von Alltagsverrichtungen in beiden Welten führt die Fabel zu Begegnungen, die unerwartete Resultate nach sich ziehen.

Der emotionalste Film im Rennen um den – und damit einer der Hauptanwärter auf den – Panorama-Publikumspreis war wohl Adrian Goigingers VIER MINUS DREI. Es geht um eine Familie, in der Vater und Mutter Berufsclowns sind. Dann kommen bei einem Autounfall drei der vier Mitglieder ums Leben und das vierte muss kämpfen, um nicht ebenfalls unterzugehen. Beim Q&A nach der Premiere haben sowohl der Regisseur als auch sein Drehbuchautor Senad Halilbašić und die tolle Hauptdarstellerin Valerie Pachner betont, dass sie allesamt normalerweise nichts mit Clowns anfangen können und das Projekt daher zumindest innerlich zunächst abgelehnt hätten. Gut, dass sie es dann doch verwirklicht haben! So viele Tränen wurden in Kinosälen jedenfalls lang nicht vergossen.
Ein ganz eigenes Genre schafft sich LONDON, ebenfalls ein österreichischer Film, von Sebastian Brameshuber. In ihm pendelt der schon ältere Bobby (Bobby Sommer) mehrmals in der Woche mit dem Auto zwischen Wien und Salzburg, wo er einen kranken Freund besucht. Auf seinen Fahrten nimmt er Anhalter:innen mit, und in den Gesprächen und Interaktionen zwischen den Wageninsassen entfaltet sich ganz allmählich auch die Lebensgeschichte des Haupfigur, bis Bobby zuletzt zum tatsächlich Handelnden wird.
ALLEGRO PASTELL, THE MOMENT und STAATSSCHUTZ werden in Kürze auf den Leinwänden der Republik beziehungsweise in der ZDF Mediathek zu sehen sein. Der erste ist leicht und durchaus hübsch geraten, der zweite guckt sich weg, hätte aber ein aufregenderes Finale vertragen, und der letzte ist nicht nur thematisch absolut relevant – immerhin geht es um Verflechtungen der Staatsanwaltschaft mit rechtsextremen Kreisen –, sondern auch spannend und ästhetisch eigenwillig umgesetzt. Keine gewöhnliche Fernsehware. Da es am Ende eine McGyver-mäßige Fahrt in den Sonnenuntergang gibt, wird an einer Fortsetzung vielleicht bereits gearbeitet.
Zum 40. Jubliäum des Teddy Awards läuft dann am Donnerstagabend noch TOMBOY (2011) von Celine Sciamma in einer neuen Schnittfassung mit offenerem Ende als bei der Erstaufführung: wohl der mit Abstand betörendste Film des Festivals.
Leider nicht funktioniert hat letzlich – trotz toller Charaktere und Darsteller – TRUELY NAKED. Zu sehr fällt der Film mit einer so ungenießbaren wie in der Auskostung ihrer Explizitheit überflüssigen Szene auf die Logik dessen herein, was er eigentlich kritisieren will. Schade. Dabei gibt es durchaus gelungene Filme mit Tentakel- und anderem seltsamen Sex.
Wettbewerb
ROSE von Markus Schleinzer ist eine weitere Bühne für Sandra Hüller, um ihr schauspielerisches Können auszuspielen. Aber auch Caro Braun als ihre kurzzeitige Verbündete Suzanna ist toll gecastet. Insgesamt wirkt der Film allerdings etwas gewollt artifiziell.
Etwas ganz Besonderes ist es, wenn in EvaTrobischs drittem Langfilm ETWAS GANZ BESONDERES die junge Frieda Hornemann an der Seite von Max Riemelt, Eva Löbau und einem ganzen Ensemble erfahrener Schauspielkolleg:innen eine komplizierte Familie im thüringischen Greiz zum Leben erweckt. Das wird aus verschiedenen Perspektiven als Gemengelage erzählt, die ihre Untiefen hat, in der aber alle doch irgendwie miteinander leben können. Nah am Leben.
MEINE FRAU WEINT ist der diesjährige Beitrag von Angela Schanelec. Er hat einige große Momente – insbesondere eine Tanzszene fast des gesamten Ensebles – kommt aber insgesamt keinesfalls an MUSIC von 2023 heran, mit dem sie einen Silbernen Bären fürs Drehbuch gewinnen konnte.