Das Forum, 1951 als „Forum des jungen Films“ und Alternative zum als behäbig oder gar reaktionär empfundenen Festivalprogramm der Berlinale von Ulrich und Erika Gregor gegründet, wird heute vom Arsenal Filminstitut verantwortet; die Leitung hat Barbara Wurm, die Programmkoordination besorgt Anna Hoffmann. Es versteht sich als Ort für „Reflexion des filmischen Mediums, gesellschaftlich-künstlerischen Diskurs und ästhetischen Eigensinn“. In den 90ern gab es hier immer wieder Perlen den Genrekinos zu entdecken, vor allem aus Japan und Hongkong. So waren beispielsweise Sabu und John Woo gern gesehene Gäste. Aber auch Spanien, Italien und Dänemark waren, wenn mich die Erinnerung nicht trügt, mit einigen bleichbadüberbrückt graublauen Thrillern vertreten.

Japanischer Supermarkthorror: ANYMART

Sakai (Shota Sometani) arbeitet als Assiatenzmanager im Convenience Store seines Vaters. Dabei handelt es sich um einen inhabergeführten Franchise-Supermarkt, dessen Aktivitäten vom Konzern, der die Waren zur Verfügung stellt, durch einen Vertreter überwacht werden. Hier herrschen Routinen und Hierarchie.

Zwischen trister Betonarchitektur, Stromkabelwirrwarr und Fertigprodukten versucht Sakai dennoch Ideen für einen Aufbruch in ein eigenes Leben zu entwickeln. Unterstützt wird er dabei von der neue Mitarbeiterin Ogawa (Erika Karata). Aber spätestens als der bisherige Marktleiter Selbstmord begeht, dringen die Gespenster, die der spätkapitalistisch sterile Konsumismus auf den Plan ruft, in den Alltag ein und lassen das gewohnte Leben schließlich in Blut und Gemetzel untergehen.

Regisseur und Autor Yusuke Iwasaki, der sonst vor allem 15-Sekunden-Werbefilme inszeniert und mit seinem Spielfilmdebut, wie er beim Q&A sagt, zum ersten Mal die Chance hatte, sich länger zu Wort zu melden, baut seine Story ruhig auf und lässt den Horror bedächtig in die normale Welt und ihre Charaktere einsickern. Diesen Prozess gießt der Film in ansprechend arrangierte, meist statische Einstellungen. Für Genrekenner vielleicht etwas vorhersehbar, wird das Ganze durch die Komik, die die Figuren der Erzählung jedoch nie der Lächerlichkeit preisgibt, zu einem kleinen Highlight im diesjährigen Berlinale-Programm.

Sakai (Shota Sometani) an seinem Arbeitsplatz, der ihn zum Roboter zu machen droht. Bild: © NOTHING NEW, TOHOKUSHINSHA FILM CORPORATION

Südkoreanische Traumata: MY NAME

In jeder Beziehung ernst gemeint ist MY NAME von Chung Ji-young (Buch und Regie). Auf drei Zeitebenen – 2016, 1998 und 1948 – erzählt er von seinen Protagonist:innen, die alle mit den Auswirkungen der verdrängten Gewalt der Geschichte des Landes zu kämpfen haben.

Kurz vor der Jahrtausendwende hadert der 16-jährige Young-oak (Shin Woo-bin) in der Klasse seiner testosterongetriebenen Jungenschule mit seinem weiblich konnotierten Namen, den er gern ablegen möchte. Doch seine alte, aber umso coolere Mutter Jeong-sun (Yeom Hye-ran) lässt da nicht mit sich reden.

Dabei weiß sie selbst nicht so recht, wie sie zu ihrem Platz im Leben gekommen ist und woher ihre Lichtempfindlichkeit und die anderen Aussetzer, die ihre im Wortsinn ertanzte Unabhängigkeit regelmäßig einschränken, rühren. Doch bis sie sich darauf einlässt, ihre Herkunft zu erforschen, bedarf es einiger Anstöße.

Irgendwann kann sie einer Konfrontation mit der Vergangenheit aber nicht mehr aus dem Weg gehen. Sie führt direkt ins Traume einer der nationalen Tragödien Südkoreas: zur Niederschlagung des angeblichen Jeju-Aufstand vom 3. April 1948. Dieses Massaker, das koreanische Truppen mit Unterstützung der amerikanischen Besatzungsarmee durchführten, hat auch die Literaturnobelpreisträgerin 2024 Han Kang in ihrem Roman „Unmöglicher Abschied“ adressiert. Auf der Insel Jeju wurden nach Demonstrationen von Fischern und Bauern etwa 270 von 400 Dörfern niedergebrannt und Schätzungen zufolge zwischen 30 000 und 60 000 Menschen getötet.

Chung Ji-young versteht es meisterlich, Jeong-suns zunächst widerwillig begonnene Suche nach den verdrängten Schrecken mit den Konflikten beim Erwachsenwerden ihres Sohnes zu parallelisieren und die Erzählstränge einander befruchten zu lassen. Großes Kino aus einem Land, das auf den Leinwänden der Welt derzeit sowieso ganz weit vorn mitspielt.

Im Tanz verarbeitet Jeong-sun (Yeom Hye-ran) die Schrecken ihrer Kindheit. Bild: © Let’s Films & Aura Pictures

ANYMART (Japan 2026, 88 min.) Regie und Buch: Yusuke Iwasaki. Mit: Shota Sometani, Erika Karata u. a.

MY NAME (Südkorea 2026, 120 min.) Regie und Buch: Chung Ji-young. Mit: eom Hye-ran, Shin Woo-bin, Choi Jun-woo u. a.