„Wer hier nichts zum Lieben findet, liebt das Kino nicht!“, hat Tricia Tuttle, im zweiten Jahr Leiterin des Festivals, als Devise für die 76. Internationalen Filmfestspiele Berlin ausgegeben. Wer sollte sich da noch zu meckern trauen? Divers und politisch soll die Ausgabe sein und junge Talente in den Blick rücken – unter anderem von Wim Wenders, dem Jurypräsidenten.

Wenig Konkurrenz haben die 22 Filme des Wettbewerbs und die mehr als zweihundert weiteren aus Panorama, Forum, Special, Perspectives, Generation und was es an Sektionen noch gibt von Berlins Attraktivität im Februar 26 zu erwarten; gegen die Unwirtlichkeit der Stadt in diesem Winter flüchtet man gern in die verschiedensten Filmwelten, auch wenn, wie Jürgen Kiontke in seinem Berlinale-Rundumschlag schreibt, „große Weltentwürfe, Kostümschinken und Monsterfilme wie gewohnt nicht auf dem Programm stehen“.

NO GOOD MEN

Vieles dreht sich um meist komplizierte Familienverhältnisse. Gleich im Eröffnungsfilm etwa, in dem es darum geht, dass es keine guten Männer gibt. Zumindest nicht in Afghanistan, wo Shahrbanoo Sadats NO GOOD MEN kurz vor dem Abzug der Amerikaner und ihrer Alliierten und der Einnahme Kabuls durch die Taliban spielt. Im Mittelpunkt steht die von der Regisseurin selbst verkörperte Naru. Sie lebt als einzige Kamerafrau des Hauptstadtsenders Kabul TV mit ihrem Sohn Liam (Liam Hussaini) getrennt von ihrem Mann.

Das kann sie sich leisten, weil sie im Gegensatz zu ihm Geld verdient und auch sonst durch ihre Berufstätigkeit zu einer kleinen priviligierten Minderheit unter den afghanischen Frauen gehört. Alle Männer des Landes, da ist sie überzeugt, sind schlecht, weil sie über Generationen gelernt haben, Frauen zu missachten und zu unterdrücken. Väter, Großväter, Onkel, Brüder, niemand, von dem sie wüsste, hätte je „Ich liebe dich“ oder ähnliches zu seiner Frau gesagt, geschweige denn sich entsprechend verhalten. In großteils schon in der Kindheit arrangierten Ehen würden sie ohne Ausnahme routinemäßig prügeln und sich bedienen lassen.

Da Naru meinungsstark und nicht auf den Mund gefallen ist, findet sie immer wieder Lücken, die sie ausnutzen kann, um die Regeln des Patriarchats zu umgehen. Vor allem in ihrem Arbeitsalltag. Wird ihr etwas nicht zugetraut, beweist sie, wozu sie fähig ist. Etwa dazu, Menschen auf der Straße vor ihrer Kamera zum Reden zu bringen. Womit sie auf ihren Kollegen Quodrat, den Reporterstar des Senders, gehörig Eindruck macht. Ob er am Ende der gute Mann sein wird, den es in ihrem Weltbild nicht geben kann?

Quodrat (Anwar Hashimi) lädt Naru zum Essen ein. Bild: © Virginie Surdej

Von ihrer persönlichen afghanischen romantischen Komödie erhofft sich die Regisseurin, die selbst 2021 aus dem Land evakuiert wurde und heute in Hamburg lebt, dass sie wenigstens eins erreichen kann: dass er eine Diskussion auslöst. Die wird, wie sie im Presseheft angibt, sicher nicht angenehm zu führen sein. Denn auch die Exil-Afghanen bildeten eine konservative und geschlossene Gesellschaft, in der ales, was außerhalb des Erwartbaren beargwöhnt werde.

Dennoch findet Shahrbanoo Sadat: „I think it is time for us, the Afghan people, to listen to other voices beyond the expectations of society. I also want to appreciate all the good men in Afghanistan, the men who don’t take advantage of all the privileges that a patriarchal Afghan society offers them. The men who, no matter what and under what circumstances, keep supporting the women in their lives and standing by them.

The reality is that it is extremely difficult to be a good man in such a society. They get bullied, mocked, and their manhood is questioned. Ijust want to say to those men: I see you, I admire you and I respect you.“

HANGAR ROJO

Auch HANGAR ROJO von Juan Pablo Sallato (Regie) und Luis Emilio Guzmán (Buch) sucht einen guten Mann unter extremen Umständen. Denn Protagonist Captain Jorge Silva (Nicolás Zárate) ist Luftwaffenoffizier zur Zeit des chilenischen Militärputschs. Auf Befehl eines Vorgesetzten, der noch eine persönliche Rechnung mit ihm offen hat, soll der einst als Fallschirmspringer zu Heldenstatus gelangte Musteroffizier die Schule, in der er Kadetten ausbildet, zum Gefangenen- und Folterlager umfunktionieren. In stilisiertem Schwarz-Weiß folgt die Kamera seinen Wegen durch durch den titelgebenden Hangar und ein entvölkertes Santiago de Chile und beobachtet in langen ruhigen Großaufnahmen, wie sich in winzigen Regungen seines Gesichts die innere Dramatik entfaltet, die das Gefühl verursacht, mit einem Mal ganz und gar auf der falschen Seite zu stehen.

Schon seit einiger Zeit ist Schwarz-Weiß begrüßenswerter Weise wieder im Kommen, ob bei François Ozons DER FREMDE (2025) oder Richard Linklaters NOUVELLE VAGUE, der nächsten Monat startet und sich lustvoll in die Entstehungsgeschichte von Godards Meisterwerk AUßER ATEM (1960) einfühlt. Auch Pablo Larrain hat für seine vampirische Mär über das Chile Pinochets in EL CONDE (2023) auf die Ablenkung durch Farben verzichtet.

Wie lang wird Captain Jorge Silva (Nicolás Zárate) noch in den Spiegel schauen können? Bild: © Villano

Trefflich fasst das Berlinale Programm zusammen: „Hangar rojo ist von wahren Begebenheiten inspiriert und der erste Thriller aus Lateinamerika, der innerhalb des Militärs zur Zeit der Diktaturen in den 1970er-Jahren spielt. Der Schwarz-Weiß-Film erzählt eine ebenso persönliche wie politische Geschichte über zwei Männer, die Farbe bekennen müssen und sich in der Maschinerie der Macht verfangen.“

Gelbe Briefe

Der Wettbewerb startet mit  İlker Çataks politischem Familiendrama GELBE BRIEFE. Unter dem Druck, den die Repressionen der Regierungspartei auf die freie Kunstszene und die Möglichkeiten kritischer Meinungsäußerung haben, verlieren die Theatermacher Derya (Özgü Namal) und Aziz (Tansu Biçer) ihre Arbeit und ihr Umfeld. Sie ziehen von Ankara nach Istanbul, wo sie sich und ihren Alltag neu erfinden und sich in ungewohnte Abhängigkeiten begeben müssen. Darunter leidet nicht nur ihr gemeinsames Verhältnis zur pubertierenden Tochter, sondern auch in ihre Beziehung schleichen sich Unmut und Distanz ein.

Berlin und Hamburg stehen in diesem fein beobachteten und gut gespielten Film für die beiden türkischen Metropolen, ein Kniff, der funktioniert und darauf verweist, was an welchen Orten der Welt in welchem Stadium des voranschreitenden Autoritarismus noch möglich ist und was nicht mehr.

Am Ende dieses Berlinale Doppeltags steht jedenfalls die Erkenntnis, dass es häufig großer Opfer bedarf, wenn man ein guter Mann sein will. Aber dass das einfach ist, hat ja auch niemand je gesagt.

NO GOOD MEN (Deutschland, Frankreich, Norwegen, Dänemark, Afghanistan 2026, 103 min.) Regie und Buch: Shahrbanoo Sadat . Mit Shahrbanoo Sadat, Anwar Hashimi u. a.

HANGAR ROJO (Chile, Argentinien, Italien 2026, 81 min.) Regie: Juan Pablo Sallato. Buch: Luis Emilio Guzmán. Mit Nicolás Zárate, Boris Quercia, Marcial Tagle u. a.

GELBE BRIEF (Deutschland, Frankreich, Türkei 2026, 128 min.) Regie und Buch: İlker Çatak. Buch: İlker Çatak und Ayda Meryem Çatak. Mit: Özgü Namal, Tansu Biçer u. a.