Selbstverständlich braucht jede Berlinale einen Skandal. Und wenn es eigentlich partout nichts zu skandalisieren gibt, muss eben Anlass für Polarisierung geschaffen werden. Dafür lassen sich hervorragend die Pressekonferenzen nutzen, auf denen Aktivisten für ihre Glaubenssache Aufmerksamkeit schaffen, statt sich mit dem zu beschäftigen, was an Kunst und politisch-ästhetischer Einlassung geboten wird.

Wie immer ist die Berlinale auch mit der 76. Ausgabe bemüht, in ihrer Programmierung möglichst alle Konflikte der Welt abzubilden und zur Diskussion zu stellen. Dafür ist sie durch die Jahre von ihren Kritiker:innen geschmäht worden, denen vieles von dem, was es in die Auswahl schafft, zu sehr allein Ausweis der behaupteten richtigen Positionierung scheint, als dass es von Relevanz sein könnte.

Sieht man sich das Programm und die Filme 2026 an, lässt sich jedenfalls sagen: Vieles in diesem Jahrgang ist politisch. Und da, wo es gelingt, die Zuschauer auf eine Weise an die Antagonismen der Welt heranzuführen, die eben nur mit Mitteln des Kinos herstellbar ist, erlangt es Relevanz.

Genau um das zu erreichen, müssen aber Filmemacher mit ihren Mitteln arbeiten und ihre Werke für sich sprechen lassen, statt in Erklärungen zu Politikern und autoritären Influencern zu mutieren.

Monster

Apropos mutieren. Hatte jemand gesagt, auf der Berlinale gäbe es keine Monster? Mit YÖN LAPSI (NIGHTBORN) haben sie sogar in den Wettbewerb Einzug gehalten. Hanna Bergholms (Buch und Regie) zweiter Spielfilm nach HATCHING (2022) spielt fernab des Urbanen in einem Horrorhaus im finnischen Wald.

Schrecken bezieht die Erzählung daraus, dass nie ganz klar wird, ob ihr Blick auf die ersten Wochen der Elternschaft eines Paares einfach nur das sowieso ein wenig Traumatisch-Neuartige dieses Zustands überbetont und ins monströse verzerrt, oder ob das – zugegebener Maßen sehr behaarte Baby – doch eher eine Kreatur ist, die man lieber nicht zu Hause haben möchte.

Drastische Effekte und Witz in unterschiedlichen Tonlagen wechseln einander ab, und auch wenn man gegen Ende ab und zu das Gefühl hat, schon länger verstanden zu haben, worauf alles hinauslaufen soll, gibt es noch die eine oder andere Überraschung. In den besten Momenten ähnlich intensiv wie Lynne Ramsays DIE MY LOVE (2025).

Die Eltern an der Krippe, ratlos. Bild: © Pietari Peltola

Blut

Film- und Festivalveteranin Ulrike Öttinger zeigt mit DIE BLUTGRÄFIN ihre Version eines Vampirfilms. Mit großem Staraufgebot folgt sie einer alle 25 Jahre wieder in Wien auftauchenden Obervampirin auf die Suche nach einem Buch, das die Macht hat, alles Böse aus der Welt zu tilgen. Das ist in seiner morbiden Komik und mit stilisierten Bildern nicht zuletzt aufgrund der Leistungen von Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr und Thomas Schubert hübsch anzuschauen, erreicht aber dann doch nicht die Leichtigkeit und Präzision in der Sache, die bei Julian Radlmayrs Einlassung zum Thema begeisterte: BLUTSAUGER von 2022.

Enttäuschungen im Spätkapitalismus

Ganze 157 Minuten Zeit nimmt sich Anthony Chen, um in WO MEN BU SHI MO SHENG REN (WE ARE ALL STRANGERS) eine komplizierte Familiengeschichte in der Wirtschaftsmetropole Singapur aufzufächern. Vielleicht noch mehr als andere liebt die Stadt nur diejenigen, die Geld haben. Versprechen, Enttäuschungen und Abzocke stehen daher auf der Tagesordnung. Wer seine Chancen etwa durch eine frühe Schwangerschaft aufs Spiel setzt, um dann auch noch in eine nicht eben standesgemäße Familie einzuheiraten, ist da irgendwie selbst schuld.

Leichtfüßig folgt die Kamera dem Figurenensemble des Films durch Höhen und Tiefen; genau beobachtet werden alltägliche Begebenheiten und ihre Wiederholung, kleine Hoffnungen und große Trauer. Wahrscheinlich ist genau die Empathie, die hier mit den Figuren entsteht, diejenige, von der Wenders auf der skandalisierten Pressekonferenz meinte, sie sei das, was Filmemacher:innen im Idealfall mit ihrer Kunst erreichen könnten. Immer wieder staunt man außerdem über die so ungeheure wie allgegenwärtige Selbstähnlichkeit der globalisierten warenförmigen Welt.

Eine Hochzeit im Imbiss. WE ARE ALL STRANGERS. Bild: © Giraffe Pictures

NIGHTBORN (Finnland, Litaun, Frankreich, Großbritannien 2026, 92 min.) Buch und Regie: Hanna Bergholm. Mit: Seidi Haarla, Ruppert Grint u. a.

DIE BLUTGRÄFIN (Österreich, Luxemburg, Deutschland 2026, 119 min.) Buch und Regie: Ulrike Öttinger. Mit: Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr, Thomas Schubert u. a.

WE ARE ALL STRANGERS (Singapur 2026, 157 min.) Buch und Regie: Anthony Chen. Mit: Yeo Yann Yann, Koh Jia Ler, Andi Lim u. a.