„Ich habe alles!“ ruft Man-su (Lee Byung-hun) aus, als er im üppig grünen Garten des Familienanwesens einen Aal grillt, kurz bevor die tief stehende Sonne die Szenerie fürs Gruppenbild ins richtige Licht taucht. Eine Ehefrau, die ihm nach vielen gemeinsamen Jahren noch leidenschaftlich verbunden ist, zwei Kinder, ein Haus, zwei Golden Retriever – was mehr könnte er sich wünschen?

Ermöglicht hat ihm all das seine Arbeit als Ingenieur in der Papierherstellung. Der Mittfünfziger gilt als Spezialist und ist stolz darauf, dass sich in der Herstellung der Fein- und Spezialpapiere kaum einer besser auskennt als er. Doch ein US-amerikanischer Konzern hat die Firma übernommen, bei der er seit 25 Jahren arbeitet, und verordnet Rationalisierung und Künstliche Intelligenz. Man-su wird entlassen und steht vor dem Nichts.

Verzicht üben oder … Schicksal spielen

Auf was werden er und die Familie künftig verzichten müssen? Man-sus Frau Lee Mi-ri (Son Ye-jin) hat schnell eine Liste zur Hand. Darauf stehen ihre Tennisstunden, das Netflix-Abo der Kinder und die gefräßigen Hunde, die zu den Großeltern kommen, bis wieder bessere Zeiten anbrechen. Zu den finanziellen Problemen kommen die Sorgen um das eigene Ansehen. In Südkorea, wo Park Chan-wooks schwarzhumorige Komödie NO OTHER CHOICE spielt, bedeutet Arbeitslosigkeit den gesellschaftlichen Tod.

Binnen dreier Monate, glaubt Man-su, wird er aber eine neue Anstellung haben. Doch erste Bewerbungsgespräche zeigen, dass die Lage auch für Höchstqualifizierte wie ihn äußerst schwierig ist. Papier, einst überall benötigte Massenware, ist aufgrund der Digitalisierung zu einem Relikt des analogen Zeitalters geworden. Genau wie diejenigen, die es hergestellt haben.

Ein Jahr nach seinem Rausschmiss hat Man-su noch immer keine adäquate Beschäftigung. Der ehemalige leitende Angestellte jobbt in einem Supermarkt, das Haus steht kurz vor der Zwangsversteigerung; die Vorstellungsgespräche sind demütigend, die raren Stellen in der Branche sahnen andere ab. Die spaßig gemeinte Frage seiner Ehefrau, ob seine Mitbewerber denn nie der Blitz treffe, bringt Man-su auf eine Idee. Vielleicht gibt es gar nicht zu wenige Stellen, sondern bloß zu viele Konkurrenten. Auch wenn sein durch ein Coaching aufgebautes Selbstbild auf der Prämisse gründet, ein guter Mensch zu sein, fängt er an, Wege zu ersinnen, wie er diesen Überschuss reduzieren kann.

Man-su (Lee Byung-hun) versucht, dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen. Bild: 2025 CJ ENM Co. Ltd. MOHO Film

Der dem Film zugrundeliegende Kriminalroman „The Ax“ (1997) von Donald E. Westlake – auf Deutsch als „Der Freisteller“ erschienen – beginnt mit dem Satz: „Ich habe noch nie jemanden getötet, einen Menschen umgebracht, ein Leben ausgelöscht.“ Doch nun macht die Situation aus Sicht des Protagonisten genau das nötig.

Verfilmung als Herzensprojekt

Mit seiner Verfilmung hat Park Chan-wook eigenen Aussagen zufolge ein Herzensprojekt verwirklicht. Seit 1992 dreht er Filme, seinen Durchbruch im Heimatland feierte er 2000 mit dem Film JOINT SECURITY AREA, einer politischen Parabel zum heiklen Thema der Annäherung der beiden koreanischen Staaten; international wurde er mit dem blutigen Rachedrama OLDBOY (2003) erstmals als stilprägender Regisseur des neueren südkoreanischen Kinos wahrgenommen. Seitdem gilt er als einer von dessen wichtigsten Repräsentanten.

Bereits 2005 hat der vielfach ausgezeichnete Politfilmer Costa-Gavras THE AX unter dem Titel LECOUPERET (DIE AXT) fürs Kino adaptiert, einer der wenigen komödiantischen Filme im Werk des griechisch-französischen Regisseurs. Park Chan-wook hat ihm seine Version des Stoffes gewidmet.

Den Schauplatz hat er nach Südkorea verlegt und den Stoff ganz zu seinem eigenen gemacht. Schließlich bietet die südkoreanische Gesellschaft mit ihrer Fixierung auf beruflichen Erfolg und Wettbewerb den idealen Boden für die böse Groteske in satten Farben. Handlungstreibend ist die nackte Angst vor Statusverlust und Zusammenbruch, die unter der scheinbar so festgefügten Oberfläche lauert.

Ein einfacher Plan und die Schwierigkeiten der Umsetzung

Denn kaum hat Man-su sich vom ersten Schock erholt, steht eines für ihn fest: Er wird alles tun, was nötig ist, um seiner Familie den hart erarbeiteten Luxus zu erhalten. Der Plan, den er dafür ausheckt, kann durchaus überzeugen: Er schaltet eine fingierte Stellenanzeige, um seine Mitbewerber kennenzulernen. Auf diese Weise findet er heraus, wer seine schärfsten Konkurrenten sind. Schafft er diese beiseite, hat er gute Chancen, bei der nächsten Ausschreibung zum Zug zu kommen. Drei Morde scheinen dafür nötig. Eine überschaubare Zahl, allerdings erweist sich die Ausführung des Plans in vielen Details als schwieriger als erwartet.

Dass sich die als legitim empfundenen Ansprüche auf Erhalt des eigenen Status und Schutz der Nächsten offensichtlich nur durch Gemeinheit und Mord durchsetzen lassen, zeigt Park in gewohnter Ausführlichkeit und in vielen grotesk-komischen Momenten. Immer wieder überfallen den Protagonisten dabei Zweifel an seinem Tun, immer wieder gilt es, Fragen zur Moralität seines Verhaltens zu beantworten. Dass seine Ehefrau darauf besteht, gerade wenn es schmutzig und eklig wird, in alle Details eingeweiht zu werden, macht die Sache für ihn nicht einfacher.

Zusätzlich wird Man-sus Gefühl von Überlegenheit ein ums andere Mal auf die Probe gestellt. Denn Mordwerkzeuge oder Umgebungen erweisen sich als vertrackter, Opfer als eigensinniger oder wehrhafter als eingeplant. Dafür leistet ihm sein Wissen übers Bonsai-Gärtnern, das Hobby des Protagonisten, und übers professionelle Verpacken gute Dienste, wenn es darum geht, die Leichen der Kontrahenten zu entsorgen.

Manierismen in der Welt des Analogen

Besonders stark ist Parks Film, wenn er in der Darstellung der dem Untergang geweihten Welt der industriellen Papiererzeugung schwelgt. Daher sollte man sich auf keinen Fall den Abspann entgehen lassen: Schöner dürfte Papier in unterschiedlichen Grammaturen, Dichten und Veredelungen selten abgebildet worden sein.

Sehr passend schlägt sich die Gestaltung des Films ganz auf der Seite des Analogen. Kameramann Kim Woo-hyung lässt jede Kamerabewegung mit einer Hingabe zum kinematographischen Handwerk erfolgen, wie sie im Kino immer seltener zu sehen ist. Allerdings hätte es dem Film gutgetan, sich die eine oder andere als besonders unkonventionell gedachte Perspektive zu sparen. Wenn etwa das Hinabstürzen eines Drinks mittels einer im Glas platzierten Kamera gezeigt wird, trägt das weder zur Erzählung wesentlich bei noch dazu, die Gestimmtheit der Figur zu vermitteln. Diese Entwicklung hatte sich bereits beim – insgesamt ebenfalls sehr stimmungsvollen, aber weniger geradlinigen – Vorgängerfilm DIE FRAU IM NEBEL (2022), angedeutet.

Dennoch erklimmt Park, auch dank eines erneut großartigen Ensembles, mit NO OTHER CHOICE einen weiteren Höhepunkt seiner Regiekarriere; nicht zuletzt, weil ihm die Einbettung seiner Parabel in den technischen und gesellschaftlichen Wandel noch subtiler und damit vielleicht sogar überzeugender gelingt als seinem Landsmann Bong Joon-ho in dem Meisterwerk PARASITE.

No Other Choice (Südkorea 2025). Regie: Park Chan-wook. Buch: Park Chan-wook, Lee Kyoung-mi, Don McKellar, Lee Ja-hye. Mit Lee Byung-hun, Son Ye-jin u. a.