Mit Liebe zum Detail und Kurzvorstellungen der Beteiligten am Kinogeschehen in Frankreich im Jahr 1959 rekonstruiert der US-amerikanische Regisseur Richard Linklater in NOUVELLE VAGUE die Verwandlung des Filmkritikers Jean-Luc Godard in einen der zentralen Autoren und Regisseure der titelgebenden neuen Welle.

Der Film kommt wie ein Making of daher und schmiegt sich in der Tonalität seinem Gegenstand an. Er spiegelt den intellektuellen Hochmut des Milieus um die legendären „Cahiers du cinéma“ und den Wunsch der jungen Stürmer und Drängerinnen (mit Agnès Varda gehörte immerhin eine Frau zum erweiterten Kreis der Auteurs), sich in Anlehnung an Vorbilder wie den italienischen Neorealismus aus dem Korsett der Erzählmuster des im Mainstream erstarrenden Kinos zu befreien.

Dienlich scheinen da die Einführung der aus der Kriegsberichterstattung übernommenen Handkamera, die Ablehnung von Konventionen wie langen Arbeitszeiten und optimierten Drehbüchern. Zum Drehen geht es mit dem Team in den Trubel der Straßen von Paris und nicht ins kostspielige Studio. Und darauf, was der Produzent – Georges de Beauregard (Bruno Dreyfürst) – fordert, darf sowieso nichts gegeben werden.

Ob sich alles genau so zugetragen hat, wie die Rekonstruktion es zeigt, scheint dann für die Freude am Kinobesuch ungefähr so erheblich wie eine Kritik an späteren politischen Positionen von JLG. Guilleaum Marbeck verkörpert den „Regisseur mit Geltungssucht“, wie die Jungle World titelt, als interessant geistreichen Unsympathen; Zoey Deutch und Aubry Dullin erwecken Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo, die Stars des Jahres 1960, zu neuem Leben.

Jean Seberg (Zoey Deutch) und Godard (Guilleaum Marbeck) revolutionieren das Kino. Bild: © Jean Louis Fernandez/Plaion Pictures

Linklater hat sich seinen Ruf vor allem mit fiktiven Milieustudien – SLACKER (1990) – und Langzeitbeobachtungen – BEFORE SUNRISE (1995), BEFORE SUNSET (2004) und BEFORE MIDNIGHT (2013) oder BOYHOOD (2014) – erarbeitet und nennt JLG als Vorbild. Dass sein Blick auf dessen Anfänge wenig kritisch-revolutionär als leicht ironisch und deutlich nostalgisch anmutet, tut hier der Sache jedoch keinen Abbruch. Denn NOUVELLE VAGUE schafft es, sich mit A BOUT DE SOUFFLE so zu verbinden, dass das Ergebnis wirkt. Wer nach diesem Film nicht selbst Hand an Drehbuch und Kamera legen möchte, ist wohl kein Kinobesessener.

NOUVELLE VAGUE (Frankreich/USA 2025, 106 min.) Regie: Richard Linklater, Buch: Richard Linklater, Holly Gent, Laetitia Masson, Michèle Pétin, Vincent Palmo Jr. Mit: Guilleaum Marbeck, Zoey Deutch, Aubry Dullin u. a.