In der Parallelwelt einer fiktiven italienischen Republik steht Präsident Mariano de Santis (Toni Servillo) am Anfang des letzten halben Jahres seiner Amtszeit. Der Katholik und Rechtswissenschaftler gilt als Politiker, der das Land mit Augenmaß geführt und vor dem Populismus bewahrt hat. Nun hat er, außer dass er noch ein Gesetz zur Sterbehilfe unterschreiben und über zwei Gnadengesuche entscheiden soll, nicht mehr viele Aufgaben.

Einen großen Teil seiner Zeit verbringt er damit, in den Räumen des Quirinale Palastes, in dem er seinen Amtssitz hat, auf dem Sofa zu sitzen und zu sinnieren oder auf dem Dach heimlich Zigaretten zu rauchen, die ihm sein mit allen Wassern schelmenhafter Pragmatik gewaschener Leibwächter Colonello Labaro (Orlando Cinque) reicht.

Einsam mit Tochter, Papst und Kritikerin

Abgesehen vom sich dekorativ in die Bildhintergründe einfügenden Sicherheits- und sonstigen Personal ist de Santis viel allein. Seine kaum bewegte Gestalt spiegelt sich häufig in Fensterscheiben oder ist von hinten zu sehen. Lange Flure und Totalen imposanter Baudenkmäler oder Innenräume – einmal etwa der vollbesetzten Mailänder Scala – unterstreichen seine Einsamkeit, auch und gerade, wenn er (Staats-)Besuch empfängt oder gesellschaftlichen Ereignissen beiwohnt.

Seit acht Jahre vor Beginn der Filmhandlung seine von ihm vergötterte Ehefrau verstorben ist, sind ihm in der Hauptsache drei Bezugspersonen geblieben: der Papst (Rufin Doh Zeyenouin), Tochter Dorothea (Anna Ferzetti) und die Freundin aus Jugendtagen Coco Valori (Milvia Marigliano), eine meinungsstarke und wortgewaltige Kritikerin, die gern zum Abendessen vorbeischaut, um dabei das Protokoll im Palast durcheinanderzuwirbeln und Mariano lebendig zu halten.

Existenzielle Zweifel …

Die existenziellen Zweifel des Präsidenten können jedoch weder der dreadgelockte schwarze Stellvertreter Gottes auf Erden noch die beiden Frauen besänftigen. Ersterem mangelt es zwar nicht an Aufrichtigkeit, aber der Diskussion seiner wenig Trost spendenden Urteile im Garten des Vatikans entzieht er sich, indem er mit einem Motorroller das Weite sucht. Dorothea hingegen verlangt zu viel von ihrem Vater. Als Top-Juristin, hat sie das Sterbehilfegesetz maßgeblich mitverfasst und erwartet nun, dass seine Unterschrift darunter ihre Arbeit endlich würdigt.

Doch sie ahnt, dass ihm der Mut fehlt, die Vorlage zu unterzeichnen. Denn wie er sich auch entscheidet, wird er, wie er sagt, seine Wahl bereuen. Entweder er steht als Mörder da und düpiert den Papst, weil er erlaubt, den Zeitpunkt des eigenen Todes ein kleines Stück weit selbst zu bestimmen. Oder aber, er gilt als Folterer, der sich den Zeichen der Zeit verweigert, indem er Kranke und Angehörige zwingt, ihre Qualen länger zu ertragen, als es nach humanistischen Maßstäben erforderlich wäre.

Ähnlich ist es um die beiden Gnadengesuche bestellt, die er jedoch zunächst an seine Tochter weiterdekretiert.

… und Albernheiten

Aber mehr noch als diese moralischen Fragestellungen beschäftigt ihn etwas ganz anderes: Mit wem hat ihn seine Frau vor 40 Jahren betrogen? Coco, die es wissen könnte, weigert sich beharrlich, ihm die Wahrheit zu offenbaren.

Nach dem Spielfilm PARTHENOPE (2024), der gemischte Kritiken erhielt, kehrt Paolo Sorrentino mit seinem neuen Werk aus dem farbigen Licht Neapels ins wolkenverhangene Grau des winterlichen Rom zurück. In der ewigen Stadt rückt er seinen Stammschauspieler Toni Servillo erneut ins Zentrum der politischen Macht,nachdem dieser bereits in „Il Divo“ von 2008 und zehn Jahre darauf in LORO – DIE VERFÜHRTEN Versionen der Ministerpräsidenten Giulio Andreotti und Silvio Berlusconi verkörpert hat. 

Wie Sorrentino bei der Vorstellung von LA GRAZIA als Eröffnungsfilm der Filmfestspiele in Venedig im letzten Sommer erklärte, habe er mit dem Film ein seit 20 Jahren geplantes Vorhaben umgesetzt: nämlich das, einen „romantischen Film“ zu machen.

Wie privat ist das Politische?

Vordergründig geht es um Pflichterfüllung, Verantwortung, Familie und um die Bedeutung des Zweifels. Dem Liebes-Thema nähern sich der Regisseur und sein Darsteller auf Umwegen, in Abschweifungen und mit einer gehörigen Prise Melancholie.

Mariano De Santis (Toni Servillo) sucht die Gegend seiner Kindheit auf. Foto: Mubi

Erzählt werden die Dilemmata, in denen der Protagonist steckt, in großartig inszenierten Bildtableaus. Die von einer Fliegerstaffel an den Himmel gemalte Nationalflagge oder das Unwetter beim Staatsbesuch des portugiesischen Präsidenten erinnern dabei nicht zuletzt an ähnlich bildgewaltige Kompositionen im Werk von Ruben Östlund.

Während es dem schwedischen Regisseur in Filmen wie THE SQUARE (2017) oder TRIANGLE OF SADNESS (2022) aber immer vor allem darum geht, die systemisch verfestigten Absurditäten im Kunstbetrieb oder in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung modellhaft aufzuzeigen und durch Überspitzung lächerlich zu machen, ruht der Blicks Sorrentinos stets auf dem inmitten des Geschehens stehenden Protagonisten. Wie groß die Isolation des alternden Mannes von der ihn so aufdringlich wie unerreichbar umgebenden Welt auch sein mag, der Sympathie seines Regisseurs und damit des Publikums kann er sich sicher sein.

Sound and vision

Dass das insgesamt ruhige Erzählkonzept aufgeht, liegt auch an dem eklektischen Soundtrack, den Sorrentino in Ergänzung der Filmmusik des Komponisten Lele Marchitelli selbst kuratiert und äußerst effektvoll eingesetzt hat. Ein Spleen des Präsidenten ist es, mit Over-Ear-Kopfhörern aktuellen italienischen Gangsta-Rap zu hören und dazu laut mitzusingen.

Entscheidende Stellen des Films werden zudemmit elektronischen Klängen, etwa der „Surfrider“-Version des französischen Techno-Acts Il Est Vilaine, eindrücklich unterlegt oder mit den Bildern einer modernen Tanzperformance überschrieben.

Eine Liveschaltung, die dann nur einseitig funktioniert, stellt die Verbindung zu einem weinenden Astronauten auf der Raumstation ISS her. Viele starke Miniaturen spiegeln und vervielfachen das Gefühl der Überforderung durch die Gegenwart und machen klar, warum es eigentlich unmöglich ist, auf konkrete Fragen eindeutige Antworten zu finden.

Was sich erkennen lässt

Insbesondere solche, zu denen man zuverlässig wird stehen können. Der sich daraus ergebende notgedrungen zögerliche Umgang mit der eigenen Entscheidungskompetenz bildet einen wohltuenden Gegenpol zur derzeitigen übersteigerten Entscheidungsfreudigkeit autoritärer oder populistischer Prägung in der Politik und vielen anderen Lebensbereichen.

Wahrscheinlich lässt sich die Frage „Wem gehören unsere Tage?“, auf die zumindest für Präsidententochter Dorothea zuletzt alles hinausläuft, nur im Privaten, nicht in der Politik beantworten. Und vielleicht nimmt Sorrentino seine Kapazitäten als moralphilosophischer Autor etwas zu ernst, um den eigenen Ansprüchen genügen zu können.

Auf der filmisch-emotionalen Ebene jedoch hat er sowohl die Zuschauer:innen als auch seine Charaktere auf so wohltuend ambivalente Weise im Griff, dass man durchaus das Gefühl haben kann, im plötzlichem Heißhunger auf eine Pizza nach der Rückkehr des Protagonisten ins zivile Lebe etwas wie reine Liebe aufblitzen zu sehen.

LA GRAZIA (Italien 2025) Buch und Regie: Paolo Sorrentino. Mit Toni Servillo, Anna Ferzetti, Orlando Cinque u. a.