Dass nicht alle Menschen Töne sehen, kann Lionel (Paul Mescal) kaum glauben. Er ist nicht nur mit einem Gehör gesegnet, das es ihm ermöglicht, jedes Musikstück Ton für Ton in seiner Erinnerung zu speichern. Darüber hinaus lässt ihn seine synästhetische Veranlagung Musik sogar schmecken. Seine Singstimme ist ebenso herausragend. Sie beschert ihm ein Stipendium am Konservatorium in Boston und eröffnet ihm einen Weg aus der Enge der elterlichen Farm in die Welt.
In der Hochschule lernt er seinen Kommilitonen David (Josh O’Connor) kennen. Die Liebe zur traditionellen Musik der Folkballaden verbindet die zurückhaltenden Männer vom ersten Ton an: Ein Klavier und einige abwechselnd intonierte Songs reichen aus, um ein inniges Band zwischen ihnen zu knüpfen. Darüber vergessen sie alles um sie herum – bis David in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs eingezogen wird und Lionel fürs Erste etwas orientierungslos auf die Farm zurückkehrt.

Irgendwann meldet sich David aber wieder. Auf seine Einladung hin unternehmen die beiden eine Reise durch die Anfang des 20. Jahrhunderts noch unwegsamen Wälder von Maine. Sie besuchen zurückgezogene Gemeinschaften ehemaliger Sklaven und ihrer Nachfahren sowie irisch-stämmige dropouts, deren Liedgut sie mittels Trichter und Kurbelapparatur auf Edison-Walzen aus Wachs bannen, um es für die Nachwelt zu bewahren.
Gesang und Schocks der Moderne
In Chor- wie Sologesängen, begleitet von einzelnen Gitarren oder kleinen Hausmusik-Ensembles handeln die Songs in der Hauptsache von Verlust und Trauer. Für eine Community, die sie besuchen, erweist sich der besungene Schrecken jedoch nicht als Kunst gewordene Vergangenheit, sondern als sich selbst erfüllende Prophezeiung. Weil ihre Mitglieder den Plänen eines Gouverneurs im Weg stehen, ihr Land für wirtschaftliche Zwecke zu nutzen, schickt der eine bewaffnete Übermacht, um sie zu vertreiben oder umzubringen. Lionel und David bleibt nur, sich verstört zurückzuziehen.
Mit Paul Mescal und Josh O’Connor konnte der südafrikanische Regisseur Oliver Hermanus zwei der derzeit am meisten gefragten englischsprachigen Schauspieler für die Hauptrollen seines romantisch-musikalischen Dramas während eines Modernisierungs-Schocks gewinnen. Wenige Worte und kleine Gesten reichen ihnen aus, um die Erregung auszudrücken, in die ihre Liebe zueinander und zu ihren Forschungsobjekten sie versetzt.
Sinnliche Bildsprache und Erinnerung
Hermanus inszeniert den gesamten Film diskret und dem Spiel seiner Darsteller angemessen. Immer wieder lässt er die Kamera sinnliche Details wie die Wölbungen von Rückenmuskeln, die Ausstattung eines Zimmers oder atmosphärische Veränderungen des Wetters einfangen, kommt aber nie auch nur in die Nähe einer Bildsprache, die voyeuristisch oder softpornografisch wirken könnte.
Die wahre Bedeutung, die die Zuneigung der Männer füreinander hat, erweist sich für Lionel erst im Rückblick: Sie wird die wichtigste emotionale Erfahrung seines an Neuanfängen nicht eben armen Lebens bleiben. Im konkreten Moment des Erlebens jedoch mangelt es ihm an Worten, um sich zu erklären oder etwa Pläne für eine gemeinsame Zukunft zu schmieden, die wohl von vornherein unmöglich wäre.
Traumata und Enigma
David fehlt dagegen der Glaube, dass nach den Erfahrungen des industriellen Kriegs in Europa so etwas wie eine Zukunft überhaupt vorstellbar ist. Für sein Trauma gibt es keine Sprache, es erschließt sich allein aus einem en passant auftretenden Zittern. Später fällt noch das Wort shell shock; allerdings ohne, dass es etwas behaupten müsste, das nicht sowieso bereits subtil zwischen Melodiebögen, Liedtexten und aufflammendem Begehren vermittelt worden wäre.
Dass Hermanus‘ Kalkül aufgeht, ist vor allem O’Connors darstellerischer Klasse zu verdanken, die ihn zwischen Charisma und Geheimnis oszillieren lässt. Wie zuvor in Kelly Reichardts THE MASTERMIND (2025) und mehr noch in Alice Rohrwachers LA CHIMERA (2023) gelingt es ihm durch sein spitzbübisch somnambules Lächeln, eine undurchdringliche Mauer um den Kern seiner Figur zu errichten und gleichzeitig den dringenden Wunsch zu wecken, sie zu überwinden.
Klaviaturen der Empfindsamkeit
Hermanus, der zuvor mit leisen Dramen überzeugen konnte, gelingt es, ganze Klaviaturen der Empfindsamkeit völlig frei von Kitsch auszuspielen. Dem auf einer Kurzgeschichte von Drehbuchautor Ben Shattuck basierenden Film ließe sich höchstens vorwerfen, dass er sich vor allem gegen Ende in der ansonsten dramaturgisch klug eingesetzten Musik geradezu suhlt.
Manche Stücke werden nicht nur ausgespielt, sondern als Bindeglieder zwischen den Zeitebenen sogar wiederholt. Immerhin verfolgen wir Lionels Leben als Musikethnologe in Sprüngen noch bis in die 1980er Jahre. Diese Doppelungen erzeugen jedoch ein Gefühl von Redundanz. Zum Teil hebelt es in seinem Bestehen auf Bedeutung die Leichtigkeit der Erzählung ein Stück weit aus. Dabei ist es gerade Hermanus‘ zurückhaltende Umsetzung, die seinen Film so aufregend macht.
Vorbild für die Figur des Lionel ist übrigens der US-amerikanische Musikforscher Alan Lomax gewesen. James Mangold ließ diesen in LIKE A COMPLETE UNKNOWN (2024) noch gegen Bob Dylans electric turn beim Newport Folk Festival wettern. Hier darf Lionel gegen Ende seines bewegten Lebens Joy Division auflegen und sich in den sehnsuchtsvoll aufgeladenen Klängen von Atmosphere in Erinnerungen an früher verlieren.
THE HISTORY OF SOUND (USA, Vereinigtes Königreich 2025, 127 min.) Regie: Oliver Hermanus, Buch: Ben Shattuck. Mit: Paul Mescal, Josh O’Connor, Emma Canning u. a.