Einer Formalie wegen reist die 18-jährige Marina (Llúcia Garcia) von Barcelona ins galicische Vigo: Um sich zur Finanzierung ihres Filmstudiums auf ein Stipendium zu bewerben, benötigt sie eine Kopie der Sterbeurkunde ihres Vaters. Den hat sie, genau wie seine gesamte Verwandtschaft, nie kennengelernt. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern ist sie bei der Familie der Mutter in Katalonien aufgewachsen. Zu ihrer Überraschung stellt sich jedoch heraus, dass ihr Erzeuger von den Behörden als kinderlos geführt worden ist. Um das zu korrigieren, bedarf es nun der notariell beglaubigten Unterschriften ihrer Großeltern.
Bevor Marina diese kennenlernt, wird sie zunächst von ihrem Onkel Lois (Tristán Ulloa) auf seine Jacht eingeladen. Was folgt, ist eine fünftägige Reise zu den eigenen Wurzeln – eine Art persönliche Romería, ein Wort, das im Spanischen eine Wallfahrt, im Galicischen aber auch eine Fiesta beschreibt. Zwischen diesen beiden Polen ist der neue Film Carla Simóns, die mit „ALCARRÀS – DIE LETZTE ERNTE“ 2022 den Goldenen Bären der Berlinale gewannen, genauso verortet wie zwischen dem Blau der Bucht von Vigo und dem Grün der zerklüfteten Küste mit den vorgelagerten Inseln.
Gefilmte Großfamilien
Hier taucht die Protagonistin in eine quirlige Großfamilie ein, die sie bald den anfangs noch regen telefonischen Austausch mit ihrer Adoptivmutter vergessen lässt. Es ist eine Welt voller Tanten, Onkel, Cousins und Kusinen, die in ihren Verwicklungen, Ritualen und Streitereien an den Clan der Pfirsichbauern erinnert, den Simón in ihrem Vorgängerfilm porträtiert hat; nur dass hier das Licht der mediterranen Plantagen durch die satten Farben der feuchten Vegetation am Atlantik ersetzt ist.

Aus Bemerkungen der Kinder und einander zum Teil widersprechenden Erinnerungen der Älteren entsteht für Marina allmählich ein Bild vom Leben ihrer Eltern im Spanien der 80er Jahre. Nicht alles, was sie zu hören bekommt, passt dabei mit den Schilderungen zusammen, die sie parallel einem ererbten Tagebuch ihrer Mutter entnimmt. Solche Brüche und Widersprüche sind für die spanische Erinnerungskultur jedoch geradezu symptomatisch.
Neuanfang und Katastrophe
Denn mit dem Ende der Movida madrileña, der Zeit des demokratischen und kulturellen Aufbruchs nach dem Tode Francos, brach eine Heroin- (im Jargon Caballo, auf deutsch: Pferd) und AIDS-Welle über das Land und seine Subkulturen herein, die wie die Toten des Bürgerkriegs kollektiv verdrängt und tabuisiert wurde.
Auch Marina muss sich erst langsam mit dem Gedanken vertraut machen, dass ihre Eltern Junkies und von einer Krankheit gezeichnet waren, deren Existenz in bürgerlichen Kreisen am liebsten geleugnet wurde – bis dahin, dass Erkrankte im Privaten verborgen, wenn nicht gegen ihren Willen weggesperrt wurden.
Abschluss einer losen Trilogie
ROMERÍA bildet den Abschluss einer losen, auf autobiographischen Motiven beruhenden Trilogie. Stark ist der Film vor allem, wenn er schildert, wie sich die Hauptfigur innerhalb der ihr neuen Gemeinschaft aus mal mehr, mal weniger wohlmeinenden Angehörigen bewegt und ihre Schlüsse zieht. Mit gesundem Misstrauen, der Fähigkeit sich abzugrenzen und einer dennoch großen Neugier auf das Milieu ihrer Herkunft gelingt es ihr, sich allen Vereinnahmungsversuchen konsequent zu widersetzen.
Weder lässt sie sich von ihren Cousins zum Kiffen verführen, noch trinkt sie mit Iago (Alberto García), dem Bruder ihres Vaters, Schnaps. Der ist in seiner Offenheit, was Berichte über die Drogengeschichte ihrer Eltern angeht, zwar der interessanteste Gesprächspartner im Umfeld; andererseits aber auch der, bei dem es sich am ehesten fragt, wie er selbst die wilden Zeiten eigentlich hat überleben können. Dementsprechend ist er bis in die Gegenwart ein Außenseiter in den familiären Zusammenhängen.
Bourgeoisie und Buñuel
Andere Teile der Sippschaft sind den Gepflogenheiten der nationalen Bourgeoisie entsprechend, der sie als gemachte Reeder angehören, in erster Linie darauf erpicht, den Anschein zu wahren, dass alles seine Ordnung hat. So kann die Großmutter es kaum ertragen, dass die für ihren Geschmack zu frei erzogenen Enkel den Pool benutzen und ihn dabei womöglich beschmutzen. Als befände man sich in einem von Buñuel imaginierten Phantasma, lässt der Opa nach dem Mittagessen die Enkel:innen in einer Reihe antreten und drückt allen für ein Küsschen einen nach Leistung und persönlicher Zuneigung gewichteten Geldbetrag in die Hand.
Meist sind es 50 Euro, aber als die verwunderte Marina an der Reihe ist, überreicht er ihr einen Umschlag, der so viele Scheine enthält, dass sie des Stipendiums gar nicht mehr bedürfen sollte, für das sie den Weg zu ihm ursprünglich auf sich genommen hat. Wie sie mit diesem Geschenk eines Fremden, von dem sie sich weder gesehen noch angenommen fühlt, umgeht, wird zu einem der Höhepunkte des Films.
Blicke und Autofiktion
Doch die Protagonistin beobachtet ihre Umwelt nicht nur, während sie sich ihren Reim auf sie macht. Häufig führt sie auch eine DV-Kamera mit sich und hält damit Ausschnitte des Geschehens um sich herum fest. Durch dieses Interesse am filmischen Blick ergibt sich eine deutliche Parallele zwischen Marina und ihrer Regisseurin und Autorin.
Ebenfalls an eigene Erfahrungen Simóns angelehnt sind ein Großteil der Texte, die sie Marina mit dem Tagebuch der Mutter an die Hand gibt. Im Interview im Presseheft erklärt die Filmemacherin, dass sie sich ihrer eigenen, ebenfalls in ihrer frühen Kindheit an AIDS verstorbenen Mutter zum ersten Mal nahe gefühlt habe, als sie posthum Briefe von ihr lesen konnte, die sie einst aus Galicien und der Welt nach Hause geschrieben habe. Um die Geschichte der Eltern lebendig werden zu lassen, habe sie diese Dokumente mit eigenen Reiseerfahrungen angereichert. Durch neu konstruierte Versatzstücke und kleine Erfindungen habe sie sich die Vergangenheit aneignen und zum Sprechen bringen können.
Magischer Realismus – und deutliche Längen
In ihrem Erstling VERANO 1993 – FRIEDAS SOMMER (2017) und in ALCARRÀS hat Simón ein naturalistisches Erzählen etabliert, in dem sie für die darin geschilderten lebensgeschichtlichen Umbrüche starke symbolträchtige Bilder gefunden hat. In ROMERÍA führt sie als neues Element einen magischen Realismus ein; Marina beginnt, die Geschichte ihrer Eltern mit einem Mal als involvierte Beobachterin nachzuerleben. Dass der Film trotz der Spannung, mit der er erwartet wurde, bei der Vergabe der spanischen Filmpreise leer ausgegangen ist, hängt sicherlich nicht zuletzt mit diesem Bruch in der Erzählhaltung zusammen.
Wobei das Problem mit dem neuen Element eher das Wie als das Was ist. Wenn sich Marina in den ersten Teilen zögernd und streckenweise widerstrebend an die Erforschung ihrer Herkunft macht, entsteht Spannung gerade aus der Dissonanz der involvierten Stimmen und Perspektiven. Ab dem Moment, in dem sie tatsächlich immersiv in die vergangene Gegenwart der Eltern eintaucht und der Film deren Liebes- und Drogengeschichte nachzeichnet, folgt plötzlich alles einem sich doch recht vorhersehbar abspulenden Plot. Der hätte gut und gern auf die Hälfte seiner Erzählzeit gekürzt werden können.
Bilder der Verdichtung
Dennoch gibt es auch hier starke Motive und Momente. Besonders eindrücklich gerät die Einbindung des lokalen Mythos der Santa Compaña, einer einem Volksglauben nach Unheil verheißenden Prozession der Toten. In einer morbiden Partyszene wird er eindrücklich choreografiert mit der dem Tod geweihten Drogenkultur des spanischen Undergrounds der 80er Jahre zusammengeschaltet. So schafft Simón ein Erinnerungsbild, das durchaus an die Kraft der Verdichtung im Bild der Bagger heranreicht, die in ALCARRÀS das Ende der Pfirsichplantagen markieren.
ROMERÍA – DAS TAGEBUCH MEINER MUTTER (Spanien/Deutschland 2025, 114 min) Buch und Regie: Carla Simón. Mit Llúcia Garcia, Mitch, Tristán Ulloa u. a.