Clémence (Vicky Krieps) schreitet leichtfüßig durchs Leben. Sie schreibt an ihrem ersten Roman und hält sich beim regelmäßigen morgendlichen Schwimmtraining fit. Im Anschluss kann es passieren, dass sie sich in einer Umkleidekabine auf spontanen Sex mit einer Unbekannten einlässt. In ihrer Pariser Nachbarschaft ist sie als schlagfertige Nonkonformistin geachtet und beliebt. Darauf, dass das nicht so bleiben wird, deuten zunächst nur die dissonanten Streicher auf der Tonspur.
Dann erzählt Clémence ihrem Ex-Mann Laurent (Antoine Reinartz) beim Lunch, dass sie sich seit einiger Zeit mit Frauen trifft. Zwar sagt Laurent, er wolle nur, dass sie glücklich ist. Doch das Gespräch markiert den Anfang vom Ende ihres einvernehmlichen Miteinanders – und damit des schlafwandlerisch leichten Lebens von Clémence.

Drei Jahre zuvor hat sie Laurent verlassen und sich seitdem das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn Paul (Viggo Ferreira-Redier) ganz unproblematisch mit ihm geteilt. Eine Woche ist Paul bei ihr, der coolen Mutter, eine bei seinem Vater mit dem Geld. Doch schon bei der ersten geplanten Übergabe nach der Offenbarung ihrer sexuellen Neuausrichtung hat der Achtjährige morgens keine Lust, seine Mutter überhaupt zu sehen.
Eifersucht
Das ist nur der erste Nadelstich in einem sich über Jahre hinziehenden Martyrium, das auf Clémence zukommt. Denn wenig später beantragt Laurent das alleinige Sorgerecht. In der Begründung wirft sein Anwalt Clémence ihren homosexuellen, angeblich nicht kindgerechten Lebensstil vor. Weiterhin behauptet er, sie sei als erfolglose Autorin gar nicht in der Lage, angemessen für ihren Sohn zu sorgen. Dass sie sich zudem weigere, in ihren früheren Beruf als Anwältin zurückzukehren, zeige, dass es ihr damit auch nicht ernst sei.
Zwar wird sich keine der Anschuldigungen als tauglich erweisen, Clémence das Sorgerecht zu entziehen. Sie reichen jedoch aus, um die Erstellung eines psychologischen Gutachtens zu erwirken. Bis dessen Ergebnis vorliegt, so die Anordnung der Richterin, dürfen Mutter und Sohn sich nur begleitet in den Räumen eines dafür ausgerichteten Zentrums treffen.
Selbstbestimmtes Leben
In ihrem auf dem gleichnamigen Roman von Constance Debré basierenden, zweiten Spielfilm schildert Regisseurin Anna Cazenave Cambet den Kampf einer Frau um ihr Recht, für ihren Sohn da zu sein und mit ihm zu leben. Aber ebenso geht es Clémence darum, ihr Selbstbestimmungsrecht zu verteidigen – intellektuell, sexuell und beruflich.
Wie schwierig das bis heute im sich selbst als Musterland der Gleichheit verstehenden Frankreich sein kann, verdeutlicht Cazenave Cambet auf unterschiedlichen Ebenen, in dynamischen Bildern und mit pointierten, aber immer realistischen Dialogen. Selbst, wenn Clémence ihren pflegebedürftigen Vater auf dem Land besucht, kommt der immer wieder darauf zurück, wie sehr Laurent wohl unter ihren Eskapaden zu leiden haben muss.
Patriarchale Mühlen
Derweil mahlen die Mühlen des Rechtssystem und seiner Betreuungsinstitutionen nervenaufreibend langsam. Zwar ist bald der Großteil des mit dem Fall betrauten Personals auf Clémences Seite. Doch das hilft ihr wenig, wenn Laurent Termine schlicht boykottiert oder Paul gegen seine Mutter aufbringt.
Bis zum Wiedersehen nach dem Beziehungsabbruch vergehen so anderthalb Jahre, in denen Clémence vom Aufwachsen ihres Sohnes ausgeschlossen bleibt. Ein bisschen Strafe muss nach dem patriarchal geprägten Recht wohl sein: Wenn es die Frau war, die bei Beendigung einer Beziehung gegangen ist, heißt es einmal, wird das immer noch als schwerwiegender angesehen als andersherum.
Abgesehen von Clémence, die zwischen den Begegnungen mit Paul weiterhin monatelang leiden muss, ist das Kind selbstverständlich Hauptleidtragender der Situation. Und so gehen bei ihren Treffen gegenseitige Liebe und Trotzreaktionen nahtlos ineinander über.
Großes Kino: Absurdität und Schönheit
Getragen wird LOVE ME TENDER von seinen überragenden, nuanciert spielenden Darstellern, allen voran Vicky Krieps in einer ihrer bislang bewegendsten Performances. Zu Recht ist sie für diese beim Europäischen Filmpreis 2026 als beste Schauspielerin nominiert.
Clever ist auch, wie Cazenave Cambet den von Schweigen und Dunkelheit geprägten, bürokratischen Alptraum immer wieder mit Szenen voller Liebe, Mut und Lebenswillen kontrastiert. Die großen und kleinen Dramen, die sich in Clémences Liebes- und Kreativleben parallel zum Kampf ums Kind abspielen, werden dabei immer wieder in Passagen aus ihren poetisch-autofiktionalen Texten reflektiert.
Zum Soundtrack, der zwischen stampfender Clubmusik und melancholischen Chansons pendelt, taucht das Licht der Île de France den Film in betörende Farben. Trotz der Absurdität der geschilderten Situation überlässt man sich angesichts der allgegenwärtigen Schönheit gern den Emotionen, die das hervorruft. Für ihre Protagonistin findet Cazenave Cambet dann auch noch ein adäquat federleichtes Ende.
LOVE ME TENDER (Frankreich 2025, 133 min) Regie und Drehbuch: Anna Cazenave Cambet. Mit Vicky Krieps, Antoine Reinartz, Monia Chokri u. a.