TRULY NAKED beginnt mit einem Filmzitat: Wie einst um Bondgirl Shirley Eaton im Klassiker GOLDFINGER (1965) mit Gerd Fröbe kreist die Kamera um eine komplett vergoldete junge Frau. Hier handelt es sich allerdings um die Hardcore-Variante. Bald verschränkt die Schöne ihre Beine um den Nacken eines Mannes; die Pose erweist sich als Szene eines im privaten Wohnzimmer produzierten Pornos.
Dessen männlicher Hauptdarsteller ist Dylan (Andrew Howard). Für seinen Einsatz wird er beklatscht, obwohl dabei eher seine Partnerin Lizzy (Alessa Savage) geglänzt hat. Der Kameramann – sowie Cutter, Grafiker und manches mehr – ist Dylans 17-jähriger Sohn Alec (Caolán O’Gorman). Seit dem Tod der Ehefrau und Mutter bilden Vater und Sohn zu zweit ein Familien-Unternehmen.
Dessen Produkt ist expliziter hardcore stuff. Dylan erklärt es später einer neuen Darstellerin, die zwischendurch gern ein paar Streicheleinheiten hätte: „Wir machen Pornos, wir machen keine Filme über Liebe.“ Der Haken daran ist – abgesehen von der Frage, ob Alec als Minderjähriger überhaupt mitwirken dürfte –, dass ihr Geschäft nicht mehr richtig floriert. Weshalb Dylan und Alec aus London in einen Küstenort umziehen, wo das Leben günstiger ist.

Schulprojekt: Internetpornosucht
Nun hat der eher introvertierte Alec ein weiteres Problem. Zwar geht es zuhause durchaus liebevoll zu, und Nacktheit stört ihn ebenso wenig wie der ständige Sex anderer Personen um ihn herum. Was aber Intimität bedeuten könnte, die nicht auf Oberflächenreize, Penetration und Profit ausgerichtet ist, muss der Teenager erst lernen. Gelegenheit dazu bietet ihm ein Schulprojekt über Abhängigkeit, für das Alec das Thema Internet-Pornografie-Sucht bearbeiten will.
Seine Lehrerin findet, darauf sollte es zur männlichen auch eine weibliche Sicht geben. Kurzerhand weist sie ihm die aus einem familiären Kontext mit deutlich feministischer Prägung kommende Nina (Safiya Benaddi) als Referats-Partnerin zu. Nach der Schule, an der, wie es sich für eine Coming-of-Age-Erzählung gehört, ein rau-jungmännlicher Ton vorherrscht, setzen sie sich gemeinsam an Lieblingsorte an der ebenfalls rauen Küste ab, um sich in Ruhe auszutauschen.
Es ergeben sich gewitzte Dialoge über die Notwendigkeit frauenfreundlicher Pornos und das Beharren darauf, sexuelle Erfahrungen anders machen zu wollen als über ihre Zuschaustellung durch andere. Was gar nicht so leicht ist angesichts der Allgegenwart von Nacktbildern und Pornografie im Netz.
Hierfür findet der Film starke Szenen; insbesondere, wenn die beiden Jugendlichen tatsächlich zum ersten Mal nackt sind. Das führt auf eindrucksvolle Weise zum erwartbaren Ende und dann schnell darüber hinaus. Denn ihr Verhältnis geht weiter, trotz Ninas begründetem Unmut. Die Annäherung aneinander und ans jeweils fremde Milieu gelingt den Film-Debütanten Caolán O’Gorman und Safiya Benaddi mit beeindruckender Leichtigkeit.
Facettenreiche Figuren verflachen zusehends
Dann kann sich Regisseurin Muriel d’Ansembourg jedoch nicht entscheiden, wohin sie mit all den Ideen und Ansätzen, die sie verfolgt, ohne sie zu vertiefen, eigentlich hin will. Die anfangs erfreulich facettenreich gestalteten Figuren und die Gemeinschaften, die sie bilden, verflachen im Verlauf der Handlung zusehends.
Insbesondere Dylan darf zunächst unterschiedliche Seiten seiner Persönlichkeit zeigen; er ist nicht nur Pornoproduzent, sondern auch ein liebender Vater, der sich zudem um Lizzy (Alessa Savage) kümmert. Diese ist wiederum ist nicht nur eine Art große Schwester für Alec; zwischen ihr und Nina entsteht auch eine interessante Nähe. Doch als Alec wegen seiner Beziehung zu Nina beginnt, eigene Ansprüche zu stellen, wird das Miteinander zusehends schwieriger und eindimensionaler.
Überbietungslogik zur Rettung des Geschäftsmodells
Eine Ursache ist die Misere der Familien-Firma; daher heckt Dylan immer abwegigere Ideen für seine Filme aus. Bis er seiner Hauptdarstellerin Gewalt antut; ein harscher Bruch mit dem zuvor Gezeigten. Gegen ihren erklärten Willen zwingt er sie zu sodomitischen Praktiken, vor denen sie sich verständlicherweise ekelt und bei denen sie verletzt wird.
Davon erholt sich auch der Film nicht. Während er vorher angenehm differenziert den Einfluss von Pornografie auf Jugendliche darstellte, die nach ihrem eigenen Zugang zu Intimität suchen, bricht diese vielschichtige Konstruktion nun zusammen. Unter der Wucht einer wirklich schwer verdaulichen Darstellung; immerhin habe der dabei mitspielende Krake überlebt, heißt es.
So fällt Regisseurin d’Ansembourg am Ende selbst auf die Logik der Porno-Branche herein, ständig krassere Bilder liefern zu müssen, um das Publikum bei der Stange zu halten. Anstelle der Sensibilität, die ihr Coming-of-Age-Film fordert und schildert, treten zum Schluss überdeutliche Didaktik und ein recht plumpes Gut-und-Böse-Schema.
Zuest veröffentlicht auf Kunst + Film.
TRULY NAKED (Niederlande, Belgien, Frankreich 2026, 102 min) Regie und Drehbuch: Muriel d’Ansembourg. Mit Caolán O’Gorman, Andrew Howard, Safiya Benaddi u. a.