Das Setting ist das einer griechischen Tragödie am Rande der Apokalypse. Dominiert von einer Raffinerie hält sich ein abgewirtschafteter Stadtstaat der nahen Zukunft am Leben, indem er Öl gegen Nahrungsmittel und Frauen aus Regionen tauscht, die Umweltzerstörung und Verteilungskämpfe bereits unbewohnbar gemacht haben – sogar von kollektiven Selbstmorden ganzer Stadtgesellschaften ist zwischendurch in Nachrichtensendungen aus dem Nirgendwo die Rede.

Der Dreck des Patriarchats

Das Sagen vor Ort hat eine Bande von Männern, deren bevorzugter Zeitvertreib darin besteht, in Tanktops oder mit freiem Oberkörper Waffen, Tattoos und Muskeln zur Schau zu stellen, Anabolika zu spritzen oder sich bei Versammlungen die Brust zu trommeln und in die Luft zu schießen.

Allerdings ist Nikos (Christos Loulis), der Anführer dieser sich als Bruderschaft verstehenden Gemeinschaft, unheilbar erkrankt. Um den Zusammenhalt der von ihm geschaffenen Strukturen auch über den eigenen Tod hinaus zu sichern, sucht er nun in einem aufwändigen Auswahlverfahren nach einem geeigneten Nachfolger – oder einer Nachfolgerin.

Denn gegen dem empört geäußerten Willen eines Großteils seiner chauvinistischen Gefolgschaft hat er seine Geliebte Maria (Melissanthi Mahut) zur Teilnahme am martialischen Wettstreit ermuntert und protegiert sie – nicht zuletzt, indem er schon mal vor versammelter Mannschaft einen der Schreihälse, die ihren Ausschluss fordern, erschießt.

Die Strategien der Frauen

Gleichzeitig stößt die Ankunft einer Fremden weitere Entwicklungen an, die Nikos‘ auf ihn als Führer ausgerichtetes Machkonstrukt erschüttern werden.

GORGONÀ ist der erste abendfüllende Spielfilm von Evi Kalogiropoulou. Diese hatte zuvor durch Kurzfilme auf sich aufmerksam gemacht und sich als bildende Künstlerin „mit antiken Feminismuskonzepten und für den weiblichen Körper relevanten Mythen“ beschäftigt, wie in der Beschreibung ihrer Ausstellung „Delirious Athens“ von 2020 auf der Website des Dresdener Kunstvereins nachzulesen ist.

Dementsprechend erweitert sie die an George Millers MAD MAX-Reihe angelehnte archaisch dystopische Grundkonstellation ihres Films um mythische Elemente, die sich bereits im Filmtitel ankündigen.

Gorgonen sind in der griechischen Sagenwelt die Medusa und ihre beiden Schwestern: geflügelte Schreckgestalten, denen an Stelle von Haaren Schlangen aus dem Kopf wachsen und die mit Blicken töten können – eine Fähigkeit, die auch Maria mit der Zeit entwickelt. Im Interview mit dem amerikanischen Branchenblatt „Variety“ zur ersten Vorstellung ihres Werks beim Filmfestival in Venedig, auf dem GORGONÀ im vergangenen Jahr die „Woche der Kritik“ eröffnete, bezeichnete sie das Monster als den Inbegriff von weiblicher Wut und Verwandlungskraft.

Außerdem beziehe sie sich in ihrem gemeinsam mit Louise Groult verfassten Script auf die Mysterien von Eleusis, einen altgriechischen Kult, der auf den Raub der Persephone durch den Unterweltgott Hades zurückgeht. Schon in ihm sieht sie die Verbindung von toxischer Männlichkeit und Umweltzerstörung angelegt.

Schließlich ist es die Entführung ihrer Tochter Persephone, die Demeter, die Göttin des Lebens und der Fruchtbarkeit, dazu bringt, ihre Pflichten zu vernachlässigen. Daraufhin erstarrt das Leben im ersten Winter der Weltgeschichte und erwacht erst mit der Heimkehr der Gefangenen in die Welt der Lebenden wieder zum ersten Frühling.

Stil und Referenzen

Als weiteren Einfluss gibt die Regisseurin die Kung-Fu-, Western- und Blaxploitation-Filme an, die sie in ihrer Kindheit gesehen hat. Deren stets männlichen Blick habe sie mit ihrer Mixtur an Genres und Themen um ein emanzipatives Element bereichern wollen.

Gleichzeitig wolle sie GORGONÀ aber auch als Liebesbrief an die filmischen Vorbilder verstanden wissen. Ihr realisiertes Programm könnte man knapp als Tarantino plus Sex – den der Meister des anspielungsreichen Retrokinos für seine cineastische Vision bekanntermaßen für verzichtbar hält – auf den Punkt bringen.

Darüber, wie die ausgiebig gezeigte nackte Haut und die teils etwas angestaubt wirkenden aufreizenden Posen weibliche Selbstermächtigung voranbringen, darf gestritten werden.

So fängt alles damit an, dass Eleni (Aurora Marion) – die Fremde – aufrechtstehend auf einem Floß über seichte Gewässer ins Herrschaftsgebiet der Stadt gezogen und wie in einem antiken Triumphzug als Beute und Konsumgut ausgestellt wird. Das lange schwarze Haar trägt sie offen, ein aus goldenen Schnüren bestehendes Minimalkostüm betont ihre körperlichen Reize und glitzert im Licht der untergehenden Sonne.

Doch dem vielfachen male gaze, dem sie von Nikos Männern und aus dem Kinosaal ausgesetzt ist, hält sie mit wildem Blick stand. Sie ist eine für Öl gekaufte Frau, eine Nachtclubsängerin und Hure. Aus dem Off kommentiert sie selbst, ihre Eltern hätten sie gegen einen einzigen Kanister Benzin getauscht. Das erscheint ihr deutlich zu wenig; andererseits sagt sie, wäre sie sowieso gekommen. Wohin sonst hätte sie schließlich gehen können?

Zwei Frauen

Neben Maria, der einzigen Frau im Film, die über längere Passagen auch in Militärhosen herumlaufen darf, ist sie eine der beiden einander spiegelnden und umkreisenden Protagonistinnen der Erzählung.

Maria versucht, als Kämpferin an die Spitze der Hierarchie zu gelangen, um von dort aus Änderungen zu durchzusetzen. Dafür nimmt sie in Kauf, regelmäßig mit Nikos zu schlafen, obwohl sie weiß, dass der bereits ihre Mutter zur Geliebten hatte und für deren Tod verantwortlich ist. Aus diesem Erzählstrang resultieren nachher die mythischen Motive.

Dagegen verbindet Eleni ihr Wissen um ihr sexuelles Kapital mit einem unbedingten Willen zur Freiheit. Sie lehnt Marias „Vermännlichung“ ab und bietet sich lasziv immerfort an. Dann aber wählt sie aus, mit wem sie sich einlässt und was der Erwählte wie lang von ihr haben kann – ein Konzept, das sich als nicht ungefährlich erweist.

Leicht vorhersehbar hält das Drehbuch für seine darstellerische Doppelspitze eine Liebesbeziehung bereit. So kommen die beiden vielfach selbst machistisch agierenden Frauen, die einander zunächst belauern, umgarnen und immer wieder zurückstoßen, einander näher und entwickeln schließlich etwas wie die Idee von auf Anziehung beruhender gleichberechtigter Erotik und Solidarität.

Selbstverständlich nutzt der Film ihre lesbische Affäre genau wie Marias Verhältnis zu Nikos ein ums andere Mal, um den vermuteten Voyeurismus des Publikums zu bedienen. Dass Maria, während sie sich dem Chef-Macker hingibt, verliebt nach dessen Pistole tastet und nicht nach seinem Körper, wirkt fast wie ein Alibi, um den Rest des wenig inspiriert gefilmten Akts zeigen zu können.

Farbspiele

Beim Sex der Frauen zeigt sich die Inszenierung dann aber doch etwas einfallsreicher. Insbesondere im Einsatz des Lichts und der zwischen Rot und Grün changierenden Farbigkeit entwickelt sie eine gewisse eigene Sinnlichkeit und erinnert an die Tradition italienischer Giallos.

Diesen ging es nicht zuletzt darum, Schauwert und Kunstfertigkeit miteinander zu verbinden – und im besten Fall noch einen Hauch Subversion mitzuliefern.

Das gelingt Kalogiropoulou in ihrem Film dann allerdings in den Szenen am besten, in denen sie sich auf ein ganz anderes Vorbild bezieht. In manchen der militärischen Drillszenen, in denen sich Maria unter die halbnackten Männer mischt, scheinen Reminiszenzen an Claire Denis‘ DER FREMDENLEGIONÄR (1999) auf, in dem Kampf und Härte spielerisch in Tanz und Geschmeidigkeit übergehen. 

GORGONÀ (Griechenland/Frankreich 2025, 96 min) Regie: Evi Kalogiropoulou. Drehbuch: Evi Kallogiropoulou und Louise Groult. Mit Melissanthi Mahut, Aurora Marion, Christos Loulis u. a.