Was derzeit im Iran vor sich geht, ist unfassbar. Das Regime setzt massiv Brutalität gegen die Bevölkerung ein, die sich gegen die seit fast einem halben Jahrhundert währende klerikal-faschistische Gewaltherrschaft erhebt. Durch Internetabschaltung versucht es, seine Morde und Gräueltaten vor der Außenwelt zu verbergen. Dennoch solidarisieren sich Exiliraner:innen und Unterstützer:innen weltweit in symbolischen Aktionen und Kundgebungen mit den Aufständischen. An diesem Wochenende zeigt die Initiative „#All Eyes On Iran“ den Film BEHIND THE LIES der iranischen Filmemacherin Mahnaz Mohammadi. Er untersucht, wie schon die Internetsperren im November 2019 systematische Menschenrechtsverletzungen ermöglicht haben. Das Gebot der Stunde lautet: hinsehen und weiterverbreiten. Hier geht’s zur Seite der Dokumentale, die zusammen mit #AllEyesOnIran die Onlinepremiere heute Abend um 19:00 Uhr und weitere Vorführungen ermöglicht.

Hier der Text zu Film und Veranstaltung, wie er im Dschungel vom 29.1.2026 erschienen ist (ergänzt um einen Absatz, der in der dort veröffentlichten Version nicht enthalten ist, der aber klar macht, dass es in Mohammadis Film um die Ereignisse von 2019 geht):
Blutiger Blackout
Viele Exiliraner:innen solidarisieren sich durch symbolische Aktionen und Kundgebungen mit den Protesten gegen das Mullah-Regime. Die Initiative All Eyes on Iran zeigt den Film »Beyond the Lies«, der untersucht, wie die Internetsperren im November 2019 systematische Menschenrechtsverletzungen erleichtert haben.
Fast zwei Wochen im Januar 2026 war das Internet im Iran abgeschaltet. Das Regime nutzte die Kommunikationssperre, um im Schutz des Blackout mit blutiger Gewalt gegen die Proteste im Land vorzugehen. Die wenigen Berichte, die dennoch öffentlich wurden, belegen Gräueltaten wie Verschleppungen und Ermordung von Demonstrierenden, den Einsatz von Kriegsgerät bei Versammlungen und die tödliche Jagd auf Unbewaffnete in einem bisher nicht gekannten Ausmaß. Unterschiedlichen Quellen zufolge sollen zwischen 18.000 und 30.000 Menschen getötet worden sein. Fest steht: Die Proteste, aber auch die Brutalität, mit der sie niedergeschlagen werden, sind heftiger als vorangegangene.
Bereits 2021 hatte die Ermordung Mahsa Aminis, die von der Sittenpolizei verschleppt wurde, weil sie ihr Kopftuch nicht korrekt gebunden hatte, zu landesweiten Demonstrationen geführt. Unter dem Slogan »Frau, Leben, Freiheit« erhielten sie weltweit Aufmerksamkeit und Unterstützung.
Große Ähnlichkeit mit heute haben durch die Abschaltung des Internets aber vor allem die Ereignisse aus dem November 2019. Auch damals nutzte das Regime gezielte Internetblockaden und gekappte Kommunikationswege, um den Aufruhr brachial zu niederzuschlagen. Zu dieser Zeit verteuert sich Benzin von einem Tag auf den anderen dramatisch und wird rationiert, das Leben wird noch schwieriger, als es unter der Gängelung der Machthaber in der Islamischen Republik sowieso ist. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den Zuständen macht sich in spontanen Demonstrationen Luft. Tankstellen und Autobahnen werden blockiert. Videos von den Aktionen zirkulieren in den sozialen Medien, und schnell gehen im gesamten Land Tausende auf die Straße, um ihrem Unmut Luft zu machen.
Der Dokumentarfilm »Beyond the Lies« der iranischen Frauenrechtsaktivistin und Filmemacherin Mahnaz Mohammadi zeigt, wie bereits am ersten Tag der damaligen Proteste Spezialkräfte der Polizei und der Islamischen Revolutionsgarden gewalttätig gegen Demonstrierende vorgehen. Tränengas, Blendgranaten und scharfe Munition kommen zum Einsatz. Menschen werden verhaftet, es wird auf sie eingeprügelt; auf Menschenansammlungen lässt das Regime schießen. Zudem kappt es den Zugang zum Internet, im Schutz der digitalen Verdunkelung steigt die Zahl der Toten und Vermissten. Insgesamt sollen damals mindestens 1.500 Regimegegner:innen innerhalb einer Woche ermordet worden sein. Wie bei den jüngsten Protesten auch drangen nur wenige Bilder und Nachrichten über die Geschehnisse an die Weltöffentlichkeit.
„Als ich ‚Beyond the Lies‘ gemacht habe“, sagt Mohammadi im Jungle World-Interview, „war ich in Teheran. Als Filmemacherin war ich damals schon mehrfach im Gefängnis gewesen. Selbstverständlich konnte ich also nicht rausgehen und filmen. Meine Idee war, das Internet zu nutzen, um Bilder zusammenzutragen und zu berichten. Als das nicht mehr ging, bin ich heimlich unterwegs gewesen und habe einfach geschaut und zugehört. Ich habe alles, was mutige Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens Zeugen der Geschehnisse sein wollten und gefilmt haben, genutzt – und das iranische Staatsfernsehen. Ich habe die Aussagen im Fernsehen als Beweise gegen die Machthaber verwendet, alles, was sie über den Blackout und die Proteste gesagt haben.“
Aus diesen Quellen hat Mohammadi einen Film zusammengestellt, der erforscht, wie das System der Gewalt funktioniert. Wer hat Verantwortung, wer profitiert, wer gibt die Befehle, wer erpresst wen, was zu tun?
Drei Wochen nach der Ermordung Mahsa Aminis hat Mohammadi den Iran verlassen. Das Festival Doxumentale in Berlin unterstützt die Regisseurin dabei, ihren Film im Rahmen der Kampagne #AllEyesOnIran einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen. Der Film, der am 25. Januar seine Online-Premiere hatte, kann von zivilgesellschaftlichen Initiative ausgeliehen und in Kinos, Universitäten oder Programmkneipen gezeigt werden.
„Es ist wichtig, ‚Beyound the Lies‘ in diesen dunklen Tagen zu zeigen und anzuschauen, denn der Film zeigt, dass Internetabschaltungen keine technischen Ausfälle sind, sondern eine Waffe“, zitiert die Website zur Kampagne die Filmemacherin. „Er dokumentiert, wie die Unterbrechung der Kommunikation Gewalt unsichtbar macht. In einer Zeit, in der Abschaltungen zur Unterdrückung von Protesten eingesetzt werden, ist das Anschauen und Teilen dieses Films ein politisches Statement und eine Möglichkeit, Solidarität zu zeigen.“
Wichtig sei jetzt vor allem, Regierungen dazu zu bewegen, die Botschaften des Iran zu schließen und wirklich Druck aufs Regime aufzubauen. „Mit ‚Frau, Leben, Freiheit‘ haben die Frauen ihre Courage gezeigt“, fasst Mohammadi im Gespräch mit der Jungle World zusammen. „Jetzt haben die Männer mit brennenden Moscheen ein Zeichen gesetzt. Denn die Moscheen stehen für den Islam und die Scharia, durch die das Regime den Männern Privilegien und Macht über die Frauen, die Hälfte der Menschen im Iran, gegeben hat. Aber jetzt, nach den Massentötungen, der Verelendung der Bevölkerung und allen Gräueltaten, gibt es keinen Weg mehr zurück. Die Islamische Republik, die uns, solange ich lebe, zu gesichtslosen, kollektiven Wesen gemacht hat, ist am Ende.“
Beyond the Lies, Regie: Mahnaz Mohammadi + Anonymous Voices (Iran 2026)
Die Doxumentale stellt den Film sowie Materialien zur Verfügung. Anfragen an mail@thegoodmedia.net