Ein wiederkehrender Vorwurf an den deutschen Film ist, dass er die Arbeit, die im Leben der meisten Menschen viel Zeit einnimmt, sträflich vernachlässigt. Ausnahmen wie İlker Çataks „Das Lehrerzimmer“ (2023) oder Petra Volpes „Heldin“ (2025), die beide dank ihrer Hauptdarstellerin Leonie Benesch auch beim Publikum erfolgreich waren, bestätigen die Regel.
Mit einer von morgens bis abends arbeitenden Protagonistin stellt nun Regisseur Kilian Armando Friedrich die Belastungen, die ein Job im Niedriglohnsektor mit sich bringt, in den Mittelpunkt seines Spielfilmdebuts „Ich verstehe Ihren Unmut“. Die konstant nah an der Hauptfigur bleibende Kamera ist ständig in Bewegung und erzeugt damit einen am Stil der Dardenne-Brüder geschulten Naturalismus.

Empathie durch Überforderung
Der lässt beim Betrachten wenig Raum, sich vom Geschehen zurückzuziehen und kontemplative Auszeiten zu nehmen. Statt zum Voyeur im stressigen Arbeitsalltag der Anderen wird man zum Mitfühlenden. Unweigerlich bückt man sich mit den von Laiendarstellern gespielten Reinigungskräften unter Tische, wischt in die letzten Ecken und hetzt von einem Raum zum nächsten.
Heike (Sabine Thalau), Friedrichs Hauptfigur ist 59 und Objektleiterin in der Gebäudereinigung. Ihr Job ist es, die Putzkolonnen einzuteilen, sie anzuleiten und zu kontrollieren. Wenn nötig putzt sie selbst nach; außerdem bereitet sie jeden Einsatz vor. Sie schleppt Reinigungsmittel in großen Kanistern durch die Gegend, entsorgt Müll und sieht zu, dass Putzlappen und sonstige Utensilien nach ihrem Einsatz wieder gewaschen werden.
Darüber hinaus muss sie aber vor allem zwischen den Ansprüchen der Kundinnen, der Firmenleitung, Subunternehmern und den Beschäftigten vermitteln. In einem System, in dem die Auftraggeber ständig damit drohen, zu günstigeren Konkurrenten zu wechseln, aber dennoch auf äußerster Effizienz und Sauberkeit bestehen, ist das kaum zu bewerkstelligen; insbesondere, wenn Heike dabei auch das Wohl ihrer Putzkräfte berücksichtigen möchte.
Wut und Unmut
Während ein Teil ihrer Anspannung sich in routinierte Bewegungen und Abläufe kanalisieren lässt, staut sich in ihr doch ein stetig größer werdender Rest an. Zunächst entlädt der sich in Kundengesprächen, die sie führt. Auf einer Autofahrt zwischen den Einsatzorten, kommt sie nicht umhin, ihr Gegenüber niederzubrüllen, um ihren Standpunkt begreiflich zu machen.
Zwar kann sie den titelgebenden Unmut der Auftraggeberseite ein Stück weit verstehen. Was ihr hingegen weder einleuchtet noch gefällt, ist, dass die Kundinnen am anderen Ende der Leitung sie beschimpfen, als wäre es ihre persönliche Schuld, dass es zu wenig Zeit und Mitarbeitende gibt, die sie einsetzen kann.
Zum Dauerstress aus Anpacken, Taktieren, Bitten und Tricksen kommt schließlich noch hinzu, dass Heike mit ihrem ehemaligen Lebensgefährten Detlev (Werner Posselt) die Wohnung teilt. Der hat große Ideen von einem solidarischen Leben, ist aber dauerarbeitslos und bekommt keinen Fuß auf den Boden. Um sich kleine Wünsche zu erfüllen, bedient er sich schon einmal heimlich an Heikes Barem.
Zerrieben zwischen Soll und Wunsch
Als die sich gezwungen sieht, Putzmittel zu strecken und bei einem Subunternehmer Arbeitskräfte abzuwerben, um das Soll zu erfüllen, eskaliert die Situation. Sie zerstreitet sich mit ihrem Chef und ihrer besten Freundin. Erst mit ihrem Ausstieg kommt sie dazu, über das System nachzudenken, in dem sie sich bis ans Limit verausgabt hat.
Auf sich allein gestellt überlegt sie, ob es nicht für alle Beteiligten besser wäre, in einer großen Kooperative zusammenzuarbeiten. Voll neuem Elan macht sie sich daran, für ihre Idee zu werben. Verständlicherweise erscheint diese Kehrtwende einigen, die unter ihrem Regime durchaus zu leiden hatten, etwas überraschend.
Von Anfang an bemüht sich Regisseur Friedrich, seine Hauptfigur nicht als Heldin, sondern als Menschen mit Stärken und Fehlern zu zeigen. Bei allem Mitgefühl hat Heike in ihrem Job gelernt, die Schwächen anderer zu erkennen und für ihre Zwecke zu nutzen. Immer wieder tendiert ihre Mitarbeiterführung zu emotionaler Erpressung.
Solidarität und Unsichtbarkeit
Eigentlich, erfährt man kurz vorm Ende beiläufig, hatte sie als Kind von ihren Lehrern eine Gymnasialempfehlung erhalten. Der Vater aber war der Meinung, ein Hauptschulabschluss täte es für das Mädchen auch. Wie sich zeigt, hat dieses Urteil ein gesamtes Arbeitsleben geprägt.
So wird auch im Gespräch mit der Arbeitsagentur über Heikes neue Ideen, wie Arbeit solidarischer gestaltet werden könnte, unbesehen hinweggegangen. Lieber solle sie noch die letzten fünf Jahre bis zur Absicherung ihrer Grundrente durchhalten und weiterfunktionieren. Damit die Arbeit bleibt, was sie immer war: möglichst unsichtbar – und das nicht nur im deutschen Film.
Artikel auch erschienen auf Kunst + Film.
ICH VERSTEHE IHREN UNMUT (Deutschland 2026, 93 min) Regie: Kilian Armando Friedrich. Buch: Kilian Armando Friedrich, Tünde Sautier, Daniel Kunz. Mit: Sabine Thalau, Nada Kosturin, Werner Posselt u. a.