Sentimental Value: hyggelig existenzialistisch

Nach DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT (2021) beschäftigt sich Regisseur und Autor Joachim Trier ein weiteres Mal mit den Wehwehchen gut situierter Menschen in Oslo. Psychologisch grundiert und filmisch grundsolide kommt SENTIMENTAL VALUE wie ein Update der Dramen von Ibsen oder Tschechow daher – garniert mit einem zusätzlichen Spritzer irrer melancholischer Witzigkeit, wie man sie aus frühen Woody Allen-Filmen kennt. Das funktioniert und hat das Werk auf die vorderen Plätze vieler Jahresbestenlisten katapultiert sowie zum Anwärter auf Golden Globes, Europäische Filmpreise und womöglich gar Oscars in der einen oder anderen Kategorien werden lassen. Mehr lesen

Blut ist im Schuh

Mit THE UGLY STEPSISTER legt die norwegische Regisseurin Emilie Blichfeldt ein thesenhaft-brachiales Spielfilmdebut vor. Ihre Adaption des Märchens „Aschenputtel“, für die sie auch das Drehbuch geschrieben hat, siedelt sie stilistisch auf der Grenze zwischen Body Horror und (ost-)europäischem Märchenfilm an. Das liegt nahe, geht es ihr doch darum auszumalen, welche Qualen es für Frauen bedeutet, sich mit ihren Körpern patriarchal geprägten Vorstellungen von Identität und Schönheit zu unterwerfen. Ganz neu ist diese sicher immer berechtigte Kritik nicht, etwas mehr Subtilität hätte dem Film und Blichfeldts Anliegen gutgetan. Mehr lesen

Niflheim Blues

Nach langer Wartezeit gibt es endlich Neues vom südkoreanischen Regie-Oscarpreisträger Bong Joon-ho. In der grotesken Science-Fiction-Komödie MICKEY 17 verdingt sich der von TWIGHLIGHT-Vampir Robert Pattinson gespielte Protagonist als Wegwerfarbeiter im All. Dank Bioarchivierung und Körperdruck kann er über den Tod hinaus als Arbeitskraft vernutzt und am nächsten Morgen wieder zurück in die Welt geplottet werden. Mit Anspielungen an real verrückte Verhältnisse und plakativer Kritik bietet MICKEY 17 skurrilen Humor und Slapstick, erreicht aber nicht die Klasse seines Vorläufers PARASITE. Mehr lesen

Drifting – alter weißer Mann ganz jung

Sich mit alten weißen Männern zu beschäftigen, ist mit ziemlicher Sicherheit das Letzte, wonach einem in dieser Woche ist. Aber so ist das. Die Berlinale ist vorbei, und im Kino startet, was seit Monaten dafür programmiert worden ist. Doch in diesem Fall wird der alte Mann von einem jungen mit ganz eigen brüchiger Stimme verkörpert. Will sagen, etwas Immersion, die einen Blick auf eine Welt erlaubt, die in entscheidenden Details noch anders aussehen durfte als unsere heute, kann durchaus etwas für sich haben. Mehr lesen

Der letzte Kampf

Um sich zu gruseln, braucht derzeit niemand extra ins Kino zu gehen. Seit Wochen reicht ein kurzer Blick ins Medium der Wahl, um sich über die neuesten Strategien zur Abschaffung von Maß und Vernunft zu informieren. Andererseits ist es noch immer die Aufgabe von Kunst und Film, die Verhältnisse, als wie schlecht empfunden auch immer, in lebendige, emotional nachvollziehbare Erzähungen zu verwandeln. Mit den Kämpfen starker Frauen, die aus dem Unglück, das allenthalben systemisch induziert wird, ausbrechen wollen, beschäftigt sich seine halbe Karriere lang der chilenische Regisseur Pablo Larraín. Nun hat er sich dem letzten Weg der Ikone Maria Callas gewidmet. Mehr lesen