Sentimental Value: hyggelig existenzialistisch

Sentimental Value: hyggelig existenzialistisch

Nach DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT (2021) beschäftigt sich Regisseur und Autor Joachim Trier ein weiteres Mal mit den Wehwehchen gut situierter Menschen in Oslo. Psychologisch grundiert und filmisch grundsolide kommt SENTIMENTAL VALUE wie ein Update der Dramen von Ibsen oder Tschechow daher –garniert mit einem zusätzlichen Spritzer irrer melancholischer Witzigkeit, wie man sie aus frühen Woody Allen-Filmen kennt. Das funktioniert und hat das Werk auf die vorderen Plätze vieler Jahresbestenlisten katapultiert sowie zum Anwärter auf Golden Globes, Europäische Filmpreise und womöglich gar Oscars in der einen oder anderen Kategorien werden lassen. Da auf innovative oder gar revolutionäre Ansätze verzichtet wird, bietet sich SENTIMENTAL VALUE aber vor allem auch als besinnlicher Vorweihnachtsfilm für die ganze Familie an. Mehr lesen

Sehnsucht in Sangerhausen – Stolpern durch die Rosenstadt

Sehnsucht in Sangerhausen – Stolpern durch die Rosenstadt

In Julian Radlmaiers neuer Komödie SEHNSUCHT IN SANGERHAUSEN stolpern die Figuren durch tiefe ostdeutsche Provinz. Überragt von einem Abraumberg ist die titelgebende sachsen-anhaltinische Kleinstadt ein Ort, an dem der Regisseur die Gegensätze von Prekariat und Bürgertum, Entwurzelten und Fremdenfeinden, Spiel und Arbeitszwang lustvoll aufeinanderprallen lässt. Geprägt werden seine eigenwilligen Betrachtungen durch den von Radlmaier seit seinem Erstling SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES perfektionierten schrägen Blick auf die Verhältnisse. In diesem Fall zieht sich die fragile Solidarität der Protagonist:innen gar durch die Jahrhunderte. Mehr lesen

Gijón Filmfest: For the Love of Cinema

Gijón Filmfest: For the Love of Cinema

Gefragt, was das Besondere am Filmfest Gijón sei, sagt der amerikanische Regisseur Ira Sachs, hier blieben die Leute länger auf, feierten härter und sprächen mehr über Filme als irgendwo sonst. Recht hat er. Mit der 63ten Ausgabe ist den Machern eine beglückende Feier des jungen Autorenkinos gelungen. Im Retueyos-Wettbewerb gab es einen FIPRESCI Preis für ein frühes Werk eines Filmschaffenden. Mehr lesen

Der Dracula, der gerade noch gefehlt hat

Der Dracula, der gerade noch gefehlt hat

Was? Luc Besson hatte bisher noch keinen eigenen Dracula-Film gedreht? Gibt’s doch gar nicht. Nun hat der Francis Ford Coppola-Ersatz unter den europäischen Filmemachern das nachgeholt. Und dabei in weiten Teilen Francis Ford Coppola zitiert. Und natürlich Elemente aus Fantasy und weiteren Genres dazugepackt. Warum? Wohl weil er es so wollte. Mehr lesen

Noch mehr über Franz K.

Noch mehr über Franz K.

Mit ihrem neuen Film FRANZ K. schafft die polnische Filmemacherin Agnieszka Holland eine experimentelle Kollage über Kafka als Dichter, Mensch und Bestandteil einer aberwitzigen Merchandising-Industrie. Humorvoll und mit surrealen Elementen erzählt sie Fragmente aus seinem Leben und davon, wie sich heute selbst mit seinem seismographischen Gespür für die Katastrophen der Moderne Geld verdienen lässt. Nicht ganz klar wird, an wen sich der Film richtet – und warum er den viel zu vielen Veröffentlichungen über Kafka noch eine weitere hinzufügt. Mehr lesen

The Mastermind – Kelly Reichardts Heist Movie

The Mastermind – Kelly Reichardts Heist Movie

Auch in den 1970er Jahren war das gesellschaftliche Klima in den USA aufgeheizt. Auch damals standen zwei Fraktionen einander unversöhnlich gegenüber: die Vietnamkriegs-Befürworter aus Regierung und militärisch-industriellem Komplex und die Kriegsgegner auf der Straße. Vor diesem Hintergrund siedelt Kelly Reichardt ihren aktuellen Film, der von einem Raubüberfall auf ein städtisches Museum handelt, an. Er entwickelt sich zum Abgesang auf seinen Protagonisten – wunderbar verkörpert von Josh O’Connor.
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Nordseekitsch

Nordseekitsch

Ein Honigbrot gegen die Trauer der Mama! Der ist nämlich der geliebte Führer gestorben. Fatih Akins Verfilmung einer Idee seines Mentors, des Schauspielers, Autors und Filmemachers Hark Bohm, ist eine Ode an den Vorreiter und Weggefährten wie ans Kino der Emotionen. Allerdings verliert sich die Parabel in der spröden Schönheit der Nordseelandschaft. Gegen die Werbefilmästhetik kommt auch die schauspielerische Leistung von Jasper Billerbeck in seiner ersten Rolle als ambivalent gezeichneter Sohn einer Unbeirrbaren nicht an. Mehr lesen

One Battle After Another

One Battle After Another

Elf Mal ist Paul Thomas Anderson bereits für einen Oscar nominiert worden. Nie hat er ihn gewonnen. Bisher. Wenn ONE BATTLE AFTER ANOTHER nicht bis zur nächsten Verleihung noch von der Trump-Administration kriminalisiert und aus dem Verkehr gezogen wird (was zum derzeitigen massiven Vorgehen etwa gegen ketzerische Late Night Shows durchaus passen würde), sollte es in dieser Saison endlich soweit sein. Seine aktualisierende Umsetzung von Thomas Pynchons 1990er Roman „Vineland“ ist ein kongenial geratenes Spektakel mit Biss – und großartigen Darstellern, die zu Höchstform auflaufen. Mehr lesen

Petzold-Eskapismus

Petzold-Eskapismus

Während die Übernahme der Welt, wie wir sie kannten, auch in good old Europe immer drastischere Formen annimmt, schwelgt Christian Petzold nostalgisch im eigenen Werk. Mit MIROIRS NO.3, benannt nach einem Klavierstück von Maurice Ravel, schließt er seine Trilogie um Ideen von geheimnisvollen Frauen und Elementargeistern der Romantik ab. Dieses Mal steht Paula Beer im Mittelpunkt eines Films, der beim ersten Betrachten wirkt, als mache er es sich mit seinem Recycling altbekannter Themen allzu einfach. Wer sich davon nicht schrecken lässt, wird jedoch belohnt: mit Bildern und Stimmungen, die in Erinnerung bleiben, eingebettet in ein feines Gespinnst aus häufig nur angedeuteten Handlungssträngen und Motivationen. Mehr lesen

Honey Don’t!

Honey Don’t!

Schon ein Jahr nach ihrem gemeinsamen Erstling, der von der ersten Ankündigung bis zur Premiere immerhin sieben Jahre brauchte, legen Ethan Coen und Ehefrau Tricia Cooke nach. HONEY DON’T! ist der zweite ihrer auf drei Teile angelegten lesbian B-Movie-Reihe. Und im Gegensatz zu DRIVE-AWAY DOLLS ist der Film rundum gelungen. Vor allem selbstverständlich wieder aufgrund von Margaret Qualley, die jede Szene mit rauchiger Stimme, aufrechtem Gang und skeptischem Blick in stets gebügelter Garderobe dominiert. Mehr lesen