Verlust, betörend eingefangen: Sandra Wollners EVERYTIME
Mit langer Brennweite tastet die Kamera Fenster und Fassaden von Gebäuden ab. Sie wirken, als hätten ihre Bewohner sie verlassen. Dafür spiegelt sich orangerot die frühmorgendliche Sonne in ihnen. Als eine Teenagerin von einem Hochhaus in die Tiefe stürzt, verwandelt sich das Leben ihrer Mutter, ihrer kleinen Schwester und ihres Freundes für immer. Sie tasten und stolpern durch ein Danach, das nicht mehr vergehen wird. Doch die Distanz ist von Anfang an in den Bildern dieses so schönen wie erschütternden Dramas gegenwärtig. Mehr lesen
Fernsehen vom Feinsten
Nach vier mal zwanzig bis höchstens fünfundzwanzig Minuten ist es schon vorbei. Dennoch (oder gerade deshalb) bietet DAS MANKO Unterhaltung, wie man sie im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen hat. Wer hierfür empfänglich ist, wird Tränen lachen. Thema ist die Arbeitswelt, es wird absurd, physisch, theatral. Sprechen dürfen praktisch nur Sophie Rois als Erzählstimme und einige wenige Nebenpersonen. Außer den Körpern der Darstellenden und der Musik von Carsten Meyer werden alle Mittel sparsam eingesetzt, dafür aber auf den Punkt genau. Mehr lesen
Dudelsäcke gegen Traumata – neues vom galizischen Kino
Zuletzt spielte Carla Simóns „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ (2025) an der niederschlagsreichen Küste rund um die nordwestspanische Hafenstadt Vigo. Schon 2022 siedelte Rodrigo Sorogoyen seinen Stadt-Land-Ökothriller „Wie wilde Tiere (As Bestas)“ (2022) in den Bergen derselben Provinz an. Außer an der galizischen Filmförderpolitik kann das durchaus daran liegen, dass sich sperrigere Stoffe hier wie von selbst in die Landschaft mit ihren wortkargen Menschen einzuschmiegen scheinen. Um Daniel Sánchez Arévalos Feelgood-Movie, in dem eine traditionelle Rondalla zur Traumaarbeit genutzt wird, genießen zu können, hilft es allerdings, wenn man Dudelsäcke mag. Mehr lesen
Vom Schauwert der Medusen: GORGONÀ
Eine Stadt im Schatten einer Ölraffinerie, ein Racket toxischer Männer aus der Petroökonomie. GORGONÀ zeigt ein Griechenland der nahen Zukunft, in der viele der Menetekel unserer Gegenwart banale Realität geworden sind. Dagegen lässt Evi Kalogiropoulous ihre Protagonistinnen mit Verve lasziv ankämpfen. Aber sowohl sie als auch die Logik des Films scheinen die meiste Zeit über allzusehr in die (Seh-)Gewohnheiten verstrickt, die sie umgeben. Mehr lesen
Aufwachsen in der Porno-Branche: TRULY NAKED
Fast gelingt Autorenfilmerin Muriel d’Ansembourg mit ihrem ersten Langfilm ein Kunststück: eine Coming-of-Age-Erzählung, die aus den Untiefen einer Branche berichtet, in der Körper und Menschen noch relativ unreglementiert ausgebeutet werden. Doch ihre Beschäftigung mit haus- und im Familienbetrieb gemachter Internetpornografie fällt zuletzt auf mehreren Ebenen auf die Logik herein, die sie eigentlich kritisieren möchte. Das ist schade, da ihre Protagonisten genau wie deren junge Darteller:innen eigentlich rundum überzeugen können. Mehr lesen
Alles allein machen: ICH VERSTEHE IHREN UNMUT
Kilian Armando Friedrichs ICH VERSTEHE IHREN UNMUT berichtet in dokumentarischer Anmutung von moralischen und anderen handfesten Dilemmata in der deutschen Arbeitswelt. Anhand der Erfahrungen einer tatsächlichen Objektleiterin im Reinigungsgewerbe entwickelt er die Geschichte einer Protagonistin, die zwischen Konkurrenzdruck und Empathie für die Angehörigen ihrer Truppe schier zerrissen wird. Ambivalent und spannend, einer der Höhepunkte im Panorama der diesjährigen Berlinale. Mehr lesen
Vicky Krieps: Love Me Tender
Weil ihr Lebensstil nicht kindgerecht sei, versucht ihr Ex Clémence (Vicky Krieps) das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn zu entziehen. Gemein und letztlich chancenlos – aber die Mühlen der Justiz mahlen auch in Frankreich behäbig. So ergeben sich in Anna Cazenave Cambets Drama LOVE ME TENDER über den Verlauf der Untersuchung Jahre, in denen die Protagonistin fast keinen Kontakt zum Kind hat. Trotz thematischer Schwere mitreissendes Schauspieler:innenkino mit herausragender Hauptdarstellerin. Mehr lesen
Klang und Berührung – THE HISTORY OF SOUND
In THE HISTORY OF SOUND bringt der südafrikanische Regisseur Oliver Hermanus zwei der derzeit gefragtesten Schauspieler als Paar zusammen. Paul Mescal wird immer wieder als nächster James Bond gehandelt und hat für seine Rolle als junger Vater eines Teenagers in AFTERSUN sehr zu Recht einen Oscar erhalten. Der enigmatische Spitzbube Josh O’Connor überzeugte zuletzt bei Kelly Reichardt und Alice Rohrwacher. Mehr lesen
Romería oder die Gespenster von El Caballo
Der neue Film von Carla Simón ist lang erwartet worden. Bei den spanischen Filmpreisen ging er zur Überraschung vieler leer aus. Wie die Vorgänger ALCARRÀS und FRIEDAS SOMMER, mit denen er eine lose geknüpfte Trilogie bildet, beruht er zum Teil auf eigenen Erfahrungen der Filmemacherin. Wieder erzählt er von einem spannenden Abschnitt der neueren spanischen Geschichte. Dennoch fehlt ihm etwas vom frischen Glanz, der Simóns Werk bisher auszeichnete. Und am Ende erzählt er gerade da zu konventionell, wo es aufregend werden könnte. Mehr lesen
Die Schönheit des Zweifels
Paolo Sorrentino stellt einen alternden Ministerpräsidenten in den Mittelpunkt seines neuen Werks. Da er aus dem Amt ausscheidet, hat er kaum mehr relevante Aufgaben. Doch was es noch zu tun gibt, bereitet ihm Kopfzerbrechen. Seine Tochter hält ihn daher für entscheidungsschwach. Er hingegen verteidigt seine Zweifel als grundlegend. Zudem treibt ihn eine ganz andere Frage um. Auch wenn Sorrentino seine moralphilosophischen Kapazitäten ein weiteres Mal eine Spur zu ernst nimmt, gelingt ihm mit LA GRAZIA ein schwebender Film voller anrührender Momente. Mit einem Protagonisten, der trotz zunächst steifer Fassade sehr lebendig ist. Mehr lesen