Sehnsucht in Sangerhausen – Stolpern durch die Rosenstadt

In Julian Radlmaiers neuer Komödie SEHNSUCHT IN SANGERHAUSEN stolpern die Figuren durch tiefe ostdeutsche Provinz. Überragt von einem Abraumberg ist die titelgebende sachsen-anhaltinische Kleinstadt ein Ort, an dem der Regisseur die Gegensätze von Prekariat und Bürgertum, Entwurzelten und Fremdenfeinden, Spiel und Arbeitszwang lustvoll aufeinanderprallen lässt. Geprägt werden seine eigenwilligen Betrachtungen durch den von Radlmaier seit seinem Erstling SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES perfektionierten schrägen Blick auf die Verhältnisse. In diesem Fall zieht sich die fragile Solidarität der Protagonist:innen gar durch die Jahrhunderte. Mehr lesen

Das Grummeln der Apokalypse

Elektronische Musik und existenzialistische Wucht verbindet der spanische Regisseur Óliver Laxe in SIRĀT zum packenden Endzeit-Epos. Er schafft damit einen der Filme des Jahres und ein Kunstwerk, das dem Kino seinen Platz als führendes Medium der Reflektion über den Zustand der Welt zurückerobert. Mehr lesen

Farben der Zeit

Vielleicht sind Bilder von Schnee, Bergen und einem Leben im Wechsel der Jahreszeiten genau, was die Welt in ihrem Taumel durch Klimakrise, militärisch ausgetragene Konflikte und autoritäre Regimes gerade braucht. Auch im Winter 1944 ist in Europa noch kein Frieden erkennbar, in Vermiglio jedoch machen sich die Verheerungen des entfernt tobenden Kriegs vor allem im Nahbereich persönlicher Dramen fest. Mit ihrem nach dem Ort der Herkunft ihres Vaters benannten Film hat Maura Delpero ein naturalistisches Kleinod geschaffen. Mehr lesen

Meisterlich flach

Mit seinem 12. Film DER PHÖNIZISCHE MEISTERSTREICH erreicht Wes Anderson einen neuen Gipfel seiner Kunst, die heute zu einem großen Teil darin besteht, nun ja, Wes-Anderson-Sachen zu machen. Das ist wie immer unterhaltsam, skurril, lustig, stellenweise gar makaber und selbstredend stilsicher. Insgesamt gerät die im Vergleich zu den Vorgängern recht geradlinig erzählte Fabel über raubtierhaften Durchsetzungswillen und sentimentale Selbstbefragung jedoch zur allzu routinierten Spätkolonialismus-Klamotte. Mehr lesen

Der Teufel in Moskau

Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ gilt als vielschichtige Satire auf den Totalitarismus, gegen den er die Kraft und den Eigensinn des künstlerischen Individuums in Stellung bringt. (Und die Liebe. Und die Religion. Und den Spaß an der Zerstörung und einiges anderes mehr.) Trotz zahlreicher Versuche haftete ihm immer der Ruch der Unverfilmbarkeit an. Der in den USA geborene und in Russland aufgewachsene Regisseur Michail Lockshin hat sich 2021 dennoch daran gewagt und in seiner Ästhetik die fantastischen Anteile der Geschichte sowie stadtplanerische Visionen eines stalinistischen Groß-Moskau ins Zentrum der Adaption gerückt. Am Tag der Arbeit ist der Film, dessen Entstehung und Erfolg bereits so erzählenswerte wie unwahrscheinliche Geschichten für sich sind, endlich auch hierzulande angelaufen. Mit August Diehl als impossant mephistophelischen Filmteufel. Mehr lesen

Jim Crow, Apartheid und Vampire

Black Lives Matter! Unter Trump und seinem Regime wird der Slogan, der nach dem Tod George Floyds durch Polizeigewalt zu einer Protestwelle in den gesamten USA und über sie hinaus führte, erneut zur Verhandlungssache. Gab es ab 2020 Forderungen wie die, der Polizei als einer Institution, von der rassistische Gewalt in großem Umfang ausgeht, die Mittel zu kürzen, wird heute vor allem darüber diskutiert, Segregation, Obdachlosigkeit und Armut aus dem Stadtbild insbesondere der Hauptstadt zu verbannen. Symbolträchtig wurde Mitte März bereits der ikonische Schriftzug in gelben Lettern, den die demokratische Bürgermeisterin Muriel Bowser im Zentrum Washingtons 2020 mitetabliert hatte, beseitigt. Noch immer nicht beseitig hingegen sind die rassistischen Strukturen und Einstellungen, die sich in der Geschichte der sogenannten freien Welt und des Westens weit zurückverfolgen lassen. Diese Woche erscheinen immerhin gleich zwei Filme in unseren Kinos, die aufs Thema nicht nur hinweisen, sondern es in je ganz eigener Art zu ihrem zentralen Gegenstand machen. Mehr lesen