Die junge Jessica, genannt Jessie (Carla Hüttermann), lebt bei ihrer allein erziehenden Mutter Ella (Birgit Minichmayr) in einer Plattenbau-Siedlung im Osten Berlins. Zimmer und Privatsphäre teilt sie mit ihrer kleinen Schwester Melli (Lotte Shirin Keiling), die ohne Unterlass diskutiert und Forderungen stellt. Am letzten Abend vor einem gemeinsamen Urlaub auf Teneriffa setzt Jessie sich noch einmal ab. Mit ihrem Freund, dem wortkargen Lux (Tristán López), will sie die Nacht durchmachen.

Im Techno-Club und später über den Dächern der Stadt feiern und reden sie – gleichermaßen befeuert wie verstrahlt von den Party-Pillen, die Lux nicht auszugehen scheinen. Als der neue Tag anbricht, fotografiert Jessie, wie der Sonnenaufgang rotgolden das scheinbar menschenleere Hochhaus-Viertel überstrahlt.

Jessie erlebt einen letzten Sonnenaufgang auf einem Hochhausdach. Bild: (c) 2026_eksystent Filmverleih

Es ist das letzte Bild, das sie mit ihrem Telefon macht. Statt heimzukehren, stürzt sie kurz darauf am Ende einer stummen und irrealen, aus großer Entfernung gefilmten Sequenz vom Hochhaus-Dach.

Nachrichten fürs Telefon der Toten

EVERYTIME, der dritte Spielfilm der in Berlin lebenden österreichischen Regisseurin und Drehbuchautorin Sandra Wollner, handelt auf ästhetisch eindrucksvolle Weise von Verlust und Trauer. Ihr Spiel mit Naturalismus und gewagten erzählerischen Brüchen brachte ihr beim Festival in Cannes den Hauptpreis in der Nebenreihe „Un Certain Regard“ ein.

Im Jahr nach Jessies Tod bemühen sich Ella und Melli, ihr Leben zu zweit fortzuführen – um die Leerstellen herum, die das Fehlen von Tochter und Schwester aufgerissen hat. Sie besuchen und pflegen gemeinsam das Grab. Zu Hause schreibt Melli abends eine Nachricht nach der anderen an Jessies alte Telefonnummer. Oder sie taucht stundenlang in die Parallelwelt eines Computerspiels ab, in dem sie die Kontrolle über Bewegung, Raum und Zeit hat.

Sprachloses Überspielen

Derweil nähert sich Ella, deren Gesicht in Verwunderung erstarrt scheint, in einer Mischung aus mütterlicher Sympathie, unterdrücktem Groll und Neugier Lux an. Der hat einige Zeit in Amerika verbracht und ist nun zurückgekehrt. Doch immer noch beherrscht ihn die Trauer um Jessie, zumal sie sich mit tief empfundenen Schuldgefühlen mischt.

Mit oberflächlich unspektakulären Alltags-Beobachtungen schildert Wollner das Leben und Überleben ihrer Figuren. Zwischen Sprachlosigkeit und Fotoalben voller Erinnerungen, tastenden Bewegungen aufeinander zu und Gartenfesten in der Siedlung, bei denen Nachbarn und Verwandte sich bemühen, den Einschnitt zu überspielen, verzichtet das Drehbuch weitgehend darauf, die Motivationen der Charaktere auszuformulieren.

Teneriffa-Urlaub ein Jahr später

Risse in der Normalität zeigen sich etwa dann, wenn Blicke unstet werden und die Kamera wie zufällig abschweift. Immer wieder rückt sie die tiefstehende Sonne ins Bild, die vom Himmel herab scheint, als sei nichts geschehen. Dass alles weitergeht, obwohl eine wichtige Person verloren ging und daher Trauer über allem liegen sollte, erzeugt ein Gefühl tiefer Unangemessenheit.

Dann entwickelt sich der Film unversehens in eine andere Richtung. Auf Ellas Initiative hin brechen die drei Hinterbliebenen gemeinsam zum Teneriffa-Urlaub auf, den die Familie im Vorjahr wegen des Unglücks wegen nicht antreten konnte. Unter der grellen Sonne auf den Kanaren beginnt die Film-Zeit, sich zu dehnen und Schleifen zu bilden. Lange zurückliegende Momente mit Jessica als Kleinkind wiederholen sich.

Antworten im Symbolischen erzwingen

Von nun an kippt das Geschehen mehr und mehr ins Surreale. Das ist eigentlich aufgrund der emotionalen Ausnahmesituation nachvollziehbar; statt aber weiterhin auf Vielstimmigkeit und Unschärfen in der Wahrnehmung zu setzen, wird der letzte – und sehr fantastische – Handlungsbogen allein aus der Perspektive einer der Hauptpersonen erzählt. Kühl und sachlich dargestellt geschieht Unmögliches; als Betrachter fühlt man sich in die Welten aus Mellis Computerspiel versetzt.

Zwar leben die Bilder nach wie vor von den von Kameramann Gregory Oke (der auch AFTERSUN von Charlotte Well fotografiert hat) fantastisch in Szene gesetzten Spiegelungen und zueinanderfindenden medialen Versatzstücken, doch wird dieser Blick durch eine neu einsetzende Erzählstimme überformt.

Damit verändert sich kurz vor dem Ende allzu zu abrupt die Tonlage des Films. Nun soll unbedingt wenigstens im Symbolischen eine Antwort gefunden werden; dieser Aplomb überfrachtet das fragile Gebilde der zuvor so kunstvoll wie vieldeutig angelegten Inszenierung. Das wirkt ein wenig, als habe Wollner plötzlich das Vertrauen in die eigene, betörende Erzählweise verloren.

EVERYTIME (Deutschland/Österreich 2026, 123 min) Regie: Sandra Wollner. Mit Birgit Minichmayr, Tristán López, Carla Hüttermann u. a.

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