Wenn es eine Gruppe gibt, die keine Lobby hat, die sich für sie starkmacht, ist es die der jungen Mütter. Häufig stammen sie wie Jessica (Babette Verbeek), Julie (Els Houben), Ariane (Janaïna Halloy Fokan), Naïma (Samia Hilmi) und Perla (Lucie Laruelle) aus Familien, die nicht dem Bild entsprechen, das Politiker vor Augen haben, wenn sie Vater-Mutter-Kind-Idyllen als Keimzelle einer funktionierenden Gesellschaft beschwören.

Wie die vier anderen auch, hat sich die hochschwangere Jessica einen Platz in einem Mutter-Kind-Heim in Lüttich gesucht. Dort soll sie lernen, nach der Geburt für ihren Säugling da zu sein, mit ihm umzugehen, und für ihn und ihr eigenes Leben Verantwortung zu übernehmen. Dass das klappen kann, zeigt das Beispiel Naïmas. Sie zieht schon, bevor Jessicas Kind da ist, mit ihrem wieder aus dem Heim aus – in eine eigene Wohnung und ein eigenes Leben.

Dämonen des Alltags

Das scheint für Jessica genau wie für Perla und Julie noch weit entfernt. Denn Jessica muss zunächst Frieden mit der eigenen Mutter machen. Diese hat sie gleich nach der Geburt weggegeben, und nun ist es die Obsession der jungen Schwangeren, sie ausfindig zu machen und kennenzulernen, bevor das Baby da ist. Ein Verhältnis herzustellen und Anerkennung zu erhalten, scheint die Bedingung dafür, selbst gegenüber dem eigenen Kind funktionieren zu können.

Julie (Elsa Houben) und Dylan (Jef Jacobs) mit ihrem Baby. Foto: Wild Bunch Germany

Der bis vor kurzem drogenabhängigen Julie macht dagegen immer wieder die Angst vor dem Rückfall einen Strich durch ihre Planungen. Dabei hat sie mit ihrem Freund tatsächlich gerade die erste eigene Wohnung gefunden, dem Traum vom gemeinsamen Aufbruch müsste also nichts im Weg stehen. Perla wiederum hat vor, mit dem Vater ihres Kindes eine Familie zu gründen. Doch als der aus dem Gefängnis kommt und sich bald abzeichnet, dass er nichts von ihr und dem Nachwuchs wissen will, muss auch sie sich neu orientieren.

Sozialrealismus de tout cœur

Jean-Pierre Dardenne und Luc Dardenne sind dafür bekannt, in ihren Filmen soziale Konflikte und Missstände zu thematisieren. Das tun sie nicht so sehr mit klassenkämpferischem Impetus wie Ken Loach, dessen Werk bei allem Realismus häufig auch einen gehörigen Schuss Sozialromantik beinhaltet. Vielmehr hat ihr Naturalismus, der die Verhältnisse ungeschönt zeigt und ihre Protagonisten nich idealisiert, ihnen den Ruf unbestechlicher Beobachter eingetragen.

Seit 1978 machen die Brüder beim Filmen gemeinsame Sache. Begonnen haben sie mit Dokumentarfilmen, bevor sie 1986 entschieden, ihre Stoffe im fiktionalen Bereich anzusiedeln. Für ihren vierten Spielfilm ROSETTA (1999) erhielten sie ihre erste Goldene Palme bei den Filmfestspielen von Cannes, mit DAS KIND (2005) gelang ihnen das ein weiteres Mal. Der so genannten Berliner Schule um Regisseure wie Christian Petzold oder Valeska Grisebach gelten sie als Vorbild.

Mit JEUNES MÈRES – JUNGE MÜTTER waren sie nun zum zehnten Mal in Cannes vertreten. Wieder ist der Film mit bewegter Kamera und einer Tonspur, die sich fast ausschließlich auf Originaltöne beschränkt ganz nah an seinen Charakteren. Ein ums andere Mal erscheinen deren Probleme dabei fast nicht lösbar; und selbst die jungen Frauen, die für die Zukunft am besten aufgestellt scheinen, müssen Tiefschläge hinnehmen, die schon im Kinosaal schmerzen.

Die Solidarität des Ensembles

Dennoch bietet das als Ensemblestück angelegte Drama immer wieder Grund zur Hoffnung. Die speist sich vor allem aus der Solidarität der Frauen untereinander – und aus dem Einsatz ihrer so tatkräftigen wie pragmatischen Sozialarbeiterinnen. So zum Beispiel, wenn es Ariane mit deren Unterstützung gelingt, gegenüber der übergriffigen Mutter die schwierige Entscheidung durchzusetzen, ihr Kind in eine Pflegefamilie zu geben, statt es selbst großzuziehen. Zwar tut es ihr weh, sich von ihrem Baby zu trennen. Wichtiger als ihr diesbezüglicher Schmerz ist ihr aber, dass es ihrer Kleinen einmal besser gehen soll als ihr. Dafür möchte sie ihr vor allem die Armutserfahrung ersparen, die ihr Leben geprägt hat.

Vielleicht fragt man sich bisweilen, ob der Blick auf die Institution des Heims hier nicht doch zu positiv ist, um wahr sein zu können. Die Arbeit sozial engagierter Menschen in solchen Einrichtungen zu würdigen, kann jedoch auf keinen Fall verkehrt sein.

Möglicherweise hätte eine Fokussierung auf nur eine Protagonistin und ihren Fall zu einem noch stärkeren Ergebnis geführt. Nun werden statt der beispielhaft über sich hinausweisenden Beschreibung eines Falls gleich zahlreiche Fallstricke auf dem Weg zu gesellschaftlicher Integration und Zufriedenheit vorgeführt. Dabei tragen die Umschnitte von einer Story in die andere immer wieder auch dazu bei, die Erzählung wohltuend zu beschleunigen.

Von Julies Angststörungen, gegen die sie tapfer ankämpft, bis zum fast starrsinnigen festhalten wollen an einer nicht erwiderten Liebe wie in Perlas in dieser Hinsicht ausweglosem Fall, gelingt es den authentisch wirkenden jungen Darstellerinnen, ihre Rollen glaubhaft auszufüllen. Als Zuschauer nimmt man an ihren Geschichten Anteil, weil sie auf Augenhöhe der Figuren erzählt werden.

Deren Charm und Möglichkeiten blitzen in Momenten auf und bewegen – gerade, weil das beiläufig und aus der Situation heraus geschieht und die Rollen nicht in erster Linie als Träger von Botschaften konzipiert sind.

JEUNES MÈRES – JUNGE MÜTTER (Belgien, Frankreich 2025, 104 min) Regie: Jean-Pierre Dardenne und Luc Dardenne mit Babette Verbeek, Elsa Houben u. a.